Kein Team mit einer Torcida, eine Torcida mit einem Team

Luís, der technisch versierte Verteidiger aus meiner montäglichen Kickrunde in São Paulo, stellt den Kontakt für mich her: »Die Freundin eines Freundes hat eine Schwester. Ihr Name ist Mariana. Sie ist wirklich verrückt, du wirst sie mit Sicherheit mögen.« Und wie ein Ausrufezeichen fügt er noch hinzu: »Mariana ist Mitglied der härtesten Ultra-Gruppierung von Südamerika, der ›Treuen Falken‹!«

Einige Wochen später treffe ich Mariana: blonde Haare, ein Gesicht voller Sommersprossen und einen brüllenden zweijährigen Sohn unterm Arm. Mariana ist die Antithese dessen, was man sich unter einem aktiven Mitglied der populärsten, der fanatischsten, aber auch der umstrittensten Fangruppierung Brasiliens vorstellt, der Torcida des Sport Club Corinthians Paulista aus São Paulo. Mariana studierte Psychologie an der Päpstlichen Katholischen Universität (PUC) und schrieb ihre Diplomarbeit zum Thema »Corinthians, Heldenmythen und Sigmund- Freud«. Als Anhängerin von Corinthians identifiziert man sie in erster Linie anhand zweier Merkmale: zum einen durch eine Tätowierung in Form des historischen Vereinswappens auf ihrer rechten Schulter, zum anderen durch den Klingelton ihres Mobiltelefons, der pathetischen Hymne von Corinthians. Wenn sie sich nicht fortlaufend mit selbigem beschäftigt, dann spricht Mariana mit Hingabe über ihr Team, als wäre sie im Aufsichtsrat oder in einer leitenden Position angestellt: »Corinthians ist mein Leben und meine Familie. Es ist alles.« In diesem Zusammenhang erwähnt sie auch ein beliebtes Zitat, um den Stellenwert von Corinthians zu unterstreichen: »Corinthians ist kein Team mit einer Torcida. Corinthians ist eine Torcida mit einem Team.«

Mit mehr als 80.000 zahlenden Mitgliedern sind die »Treuen Falken« (»Gaviões da Fiel«) die mitgliederstärkste aller organisierten Fangruppierungen in Brasilien, und so kann dieses Zitat – wenn man so will – auch als Drohung interpretiert werden.

Der neu verpflichtete Superstar Roberto Carlos fürchtete zum Beispiel nach dem frühzeitigen Aus von Corinthians in der Copa Liber-tadores im Jahr 2011 um seine persönliche Sicherheit, als er von Motorrädern verfolgt und von anonymen Anrufern bedroht wurde. Es sind oft Aktionen wie diese, mit denen die »Treuen Falken« für Schlagzeilen sorgen. Der brasilianischen Medienmaschinerie ist es gleichgültig, ob tatsächlich einzelne Personen der »Falken« beteiligt waren oder nicht – ihr populärer Name beziehungsweise die Farben des Teams reichen oft aus, um einen Zusammenhang zwischen ihnen und gewalttätigen Vorfällen zu konstruieren. Der Terminus »Torcida« wird dann plötzlich mit »Hooligan« gleichgesetzt und alle Bewohner von Armenvierteln werden zu einer Bande von Schlägern, Vagabunden und Radikalen. Es ist eine von Populismus geprägte Berichterstattung, die sämtliche Klischees und Vorurteile bedient.

Dieser Art der medialen Vorverurteilung versucht Mariana entgegenzuwirken: »Ich sage immer zu unseren Leuten: ›Passt auf, wenn ihr das Trikot von Corinthians tragt. Baut bitte keinen Mist.‹ Gab es gestern eine Schlägerei in einer Bar, sind wir morgen wieder in der Zeitung. Wir können nur darauf hinweisen, viel mehr können wir nicht tun. Wir können und wollen nicht kontrollieren, was 100.000 in ihrer Freizeit machen. Das hat weder mit Futebol noch mit Corinthians was zu tun.«

Die Geburtsstunde des Sport Club Corinthians Paulista war am 1. September des Jahres 1910, als zwei Maler, ein Fahrer, ein Schuster und ein Maurer beschlossen, ihren eigenen Fußballklub zu gründen. In Brasilien war Futebol zur damaligen Zeit ein Sport der Eliten, der in seinen ersten Jahrzehnten primär von englischen beziehungsweise europäischen Einwanderern ausgeübt wurde. Das Importgut Futebol war eine Frage des Lebensstils, und eine anglophile Haltung war eine Frage der sozialen Klasse. Das noble Ziel der Klubgründung von Corinthians war es, Futebol einer breiteren Masse zugänglich zu machen. Dieses Image des Arbeitervereins wird vom Klub und der Torcida bis heute nachhaltig gepflegt, was sich nicht zuletzt in der Bezeichnung »Time do Povo« (Team des Volkes) ausdrückt.

Vorbild bei der Namensgebung war das englische Team mit dem Namen Corinthian Football Club, eine Amateurmannschaft aus London, deren Vereinssatzung es den Spielern verbot, an Wettbewerben und Preisspielen teilzunehmen. Da ihnen auf diese Weise Spiele gegen die besten Vereine aus der englischen Football Association weitgehend versagt blieben, begab sich der Klub, der stets einen makellosen Ruf genoss, zunehmend auf weltweite Tourneen. Im August 1910 besuchte das englische Team Brasilien und konnte alle sechs angesetzten Freundschaftsspiele gewinnen. Unter dem bleibenden Eindruck des erfolgreichen und auch ansehnlichen Spiels der Engländer setzte sich der Vorschlag »Sport Club Corinthians Paulista« des Malers und Anstreichers Joaquim Ambrósio- durch.

Die jüngere Geschichte von Corinthians bestimmten drei identitätsstiftende Momente, die die Mythen rund um das jeweilige Team und seine Epoche reichhaltig nährten. Aber auch das Selbstverständnis und die Haltung der Anhänger gegenüber Corinthians wurden durch diese drei Ereignisse massiv geprägt.

Moment 1: Ein viertel Jahrhundert ohne Titel. In den 23 Jahren zwischen 1954 und 1977 konnte der erfolgsverwöhnte Klub keinen einzigen Titel gewinnen, bis schließlich am 13. Oktober 1977 Basílio das erlösende Tor gegen das Team von Ponte Preta aus der Nachbarstadt Campinas erzielte und Corinthians zum insgesamt sechzehnten Mal die Staatsmeisterschaft von São Paulo feiern durfte.

Seu Jorge, ein älterer Stammgast in meinem Lieblingslokal in São Paulo, ist in den 1940er-Jahren geboren und spricht über diese langen 23 Jahre so: »Seitdem sich mein Vater das erste Mal mit meiner Mutter verabredet hat, bin ich Anhänger von Corinthians. Ich bin in einem sehr religiösen Umfeld aufgewachsen und war ein junger Bursche. In diesen Jahren aber wurde ich Schritt für Schritt zum Atheisten. Ich bin wirklich überzeugt davon, es kann keinen Gott geben. Ganz ehrlich: Es war eine grausame Zeit für jeden von uns.«

Der Pater James Crowe sieht das anders, er interpretiert die Geschichte in der Dokumentation 23 Jahre in 7 Sekunden theologischer: »Ich denke, der gekreuzigte Jesus Christus und diese 23 Jahre ohne Titel für Corinthians sind das Gleiche. Beide haben sie sich, bis zu ihrer Auferstehung, nie aufgegeben.«

Moment 2: Rebellen am Ball. 1982, im achtzehnten Jahr der 21 Jahre andauernden Militärdiktatur, initiierte die Gruppe um die Spieler Sócrates, Wladimir, Zenon und Casagrande gemeinsam mit dem Sportdirektor und Soziologen Adílson Monteiro Alves eine Demokratiebewegung innerhalb des eigenen Vereins, die »Democracia Corinthiana«.

Vor einigen Jahren, als ich Sócrates, den intellektuellen und wortgewandten Anführer dieser Gruppe, interviewte, sprachen wir auch darüber, über die Bewegung und ihren informellen Ausgangspunkt. Wir verabredeten uns in der Choperia Pinguim, einer populären Bar im Zentrum von Ribeirão Preto, Heimatort von Sócrates. Die rund 500.000 Einwohner zählende Stadt ist vor allem für eine Sache bekannt: Es gibt das beste Bier in ganz Brasilien. Der Name Sócrates ist eng verbunden mit Begriffen wie »Freiheit« und »Demokratie« und steht seit den Weltmeisterschaften 1982 und 1986 wie ein weltweit geschützter Markenname für das »schöne Spiel«.

Sócrates wurde am 19. Februar 1954 in Belém, im Norden Brasiliens, geboren. Er wuchs in der Provinzstadt Ribeirão Preto auf, rund vier Autobusstunden beziehungsweise 300 Kilometer nördlich von São Paulo. Während seines Medizinstudiums begann er seine Karriere beim lokalen Team Botafogo und wechselte 1978 als promovierter Doktor zu Corinthians nach São Paulo. Dort wurde er im offensiven Mittelfeld mit 172 Toren in 297 Spielen zur Kultfigur.

Ein Jahr spielte er in Italien beim AC Florenz, er war Kapitän der Seleção von 1982 und Südamerikas Fußballer des Jahres 1983. Nach seinem Ausflug nach Italien wechselte er zum Team Flamengo nach Rio de Janeiro, bevor er als 34-Jähriger bei seiner »Jugendliebe« FC Santos seine Karriere beendete.

Sócrates ist Vater von sechs Söhnen und arbeitet als Autor, Kolumnist und Fernsehkommentator. Seine Kleidung: Shorts, Laufschuhe, Tennissocken und ein hellblaues T-Shirt – als wir uns treffen, sieht er aus, als würde er gerade von einem Tennisspiel oder einem Waldlauf kommen. Das vernarbte Gesicht und der Vollbart eines linken Rebellen verleihen ihm die Aura eines griechischen Philosophen, die sein Name so nahelegt. Seine Ausdrucksweise ist gewählt, er spricht langsam und mit Nachdruck: »In einer klassischen Arbeitsbeziehung, vor allem zur Zeit der Militärdiktatur, hatte der einfache Arbeiter keine Möglichkeit, gehört zu werden, nicht einmal, wenn es um Angelegenheiten der eigenen Tätigkeit ging. Wir haben diesen Prozess bei Corinthians umgekehrt. Wir haben uns Rechte erkämpft, die bis heute selten sind. Wir haben jede Entscheidung kollektiv getroffen und uns an der gesamten Führung des Klubs mit beteiligt. Und das auf einem einzigartigen Gleichheitsniveau: Der einfachste Angestellte hatte das gleiche Gewicht wie der Repräsentant des Unternehmens, der Klubchef hatte nicht mehr zu sagen als der dritte Torwart, seine Stimme hatte den gleichen Wert. Es war also alles sehr demokratisch. Diese Zeit war wunderbar und hat uns alle nachhaltig verändert.«

Es waren Jahre, geprägt von eingeschränkter Freiheit, Zensur und einer Politik der Unterdrückung. In Zeiten einer Militärdiktatur war es ein mutiges und wichtiges Projekt, das national und international für viel Aufsehen und Beifall sorgte.

Unsere Bar ist gut besucht. Während des Gesprächs erfüllt Sócrates Dutzende Foto- und Autogrammwünsche. Ein exzentrischer Kinobesitzer leistet uns für ein Erfrischungsgetränk Gesellschaft und der Küchengehilfe, ein junger Bursche, besucht uns ebenfalls im Laufe des Nachmittags. Sie unterhalten sich ausgiebig über Kickboxen.

Sócrates spricht weiter über die Auswirkungen der »Democracia Corinthiana«: »Die Neuen waren am Anfang wirklich verzweifelt: ›Warum spricht hier niemand über Fußball?‹ ›Dann fang halt an, was über Politik zu lesen, weil hier wird nur über Politik gelabert!‹, haben wir geantwortet. Die sind regelrecht erschrocken. Die mussten dann einiges dazulernen. Ja, das war wirklich verrückt. Ich denke, unsere Bewegung war für den Diskurs über den demokratisierenden Prozess des Landes sehr unterstützend. Brasilien war noch nicht daran gewöhnt, sein Recht zu wählen auszuüben, das Recht, seine Repräsentanten selbst zu bestimmen. Es war also ein fundamentales Hilfsmittel im Prozess der Neugestaltung des Landes.«

Und als formuliere er den ersten Punkt des Manifests einer Revolution, sagt Sócrates: »Man braucht keine Partei, um eine Masse zu mobilisieren. Man braucht nur Ideen und Mut, um ein Land zu verändern.«

Seine Stimme wird lauter und seine Stirn legt sich in Falten: »Niemand mischt auf. Wieso? ›Ah, es gibt kein Geld!‹ Was heißt, es gibt kein Geld? Es gibt Familien, in denen sechs Kinder mit einem Mindestgehalt ernährt werden. Alles ist möglich. Man muss nur mutig sein. Was fehlt? Erstens Kreativität, zweitens Planung, drittens Mut.«

Sócrates ist immer noch der rebellische Intellektuelle mit der stolzen Attitüde eines einsamen Guerilla-Kämpfers, wie einige Jahrzehnte zuvor, als er in einem Interview sagte: »Wenn es nötig wäre, um soziale Probleme zu lösen, würde ich auch zum Gewehr greifen.« Kein anderer erkannte die politische Dimension von Futebol wie er und wusste sie zugleich zu nutzen. »Ein Symbol der Revolution, wie Che Guevara«, schreibt der renommierte Journalist Juca Kfouri über Sócrates.

Ein Typ stapelt bereits die gelben Plastikstühle aufeinander und das füllige Mädchen im eng geschnittenen, neongelben Top bringt die Rechnung. Sócrates zwinkert ihr zu: »Uma Saideira!« Ein allerletztes Bier.

Moment 3: Abstieg in die zweite Liga und Wiederaufstieg. Im Dezember 2007 stieg Corinthians erstmals in der Vereinsgeschichte in die Série B ab, um eine Saison später, am 25. Oktober 2008 um 17.45 Uhr, nach 328 Tagen mit viel Pathos und Bächen voll Tränen wieder zurückzukommen. Es war ein Jahr, das viele Anhänger heute als ein reinigendes Gewitter in Erinnerung haben: »Es war eine Lektion, um unsere Liebe zu prüfen und zu erneuern.«

Demokratisch gewählt wird auch heute: Ich verabrede mich mit Mariana anlässlich der anstehenden Wahl des neuen Vereinspräsidenten im Parque São Jorge, in der Vereinszentrale von Corinthians. Die »Zentrale« ist knapp 25 Kilometer von meiner Wohnung entfernt. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bin ich eine Stunde und zwanzig Minuten unterwegs: drei Busse, 42 Haltestellen. In São Paulo mangelt es an mehreren Dingen, ganz gewiss aber an einem gut funktionierenden System der öffentlichen Verkehrsmittel.

Alle Mitglieder des Sport Club Corinthians Paulista sind im Rahmen dieser Wahl zur Stimmabgabe für ihren Favoriten aufgerufen: Zur Wahl stehen Mário Gobbi und Paulo Garcia für eine Periode von vier Jahren, als Nachfolger von Andrés Sánchez, der politisch ausgezeichnet vernetzt war und bis ganz nach oben – zum ehemaligen Präsidenten von Brasilien und bekennenden Corinthians-Anhänger Luiz Inácio Lula da Silva – beste Verbindungen pflegte. Nicht nur in Italien mit Silvio Berlusconi, auch in Brasilien sind Futebol und Política ein brüderliches Paar, das sich gerne mal unterstützend und kollegial unter die Arme greift.

Der »Demokrat« Wladimir, mit 805 Einsätzen Rekordspieler und Vereinsikone von Corinthians, ist auch hier. Er wirbt für den Außenseiter Paulo Garcia und ist hauptsächlich damit beschäftigt, Hände zu schütteln, Autogrammwünsche zu erfüllen und für Fotos zu posieren. Väter reden auf ihre Töchter und Söhne ein, während sie wild in die Richtung von Wladimir gestikulieren, als würde es sich um einen alten Freund der Familie handeln, der lange auf einer Dienstreise in Übersee war und jetzt endlich mal wieder auf Heimatbesuch ist.

Mariana kennt »Wladi« persönlich und stellt ihn mir vor. Er hat ein strahlendes Lächeln und eine liebenswürdige, einladende Art, mir das Gefühl zu geben: »Schön, dass du auch bei Corinthians bist. Willkommen im Klub!« Ich wusste leider nicht allzu viel über Wladimir, nur eben jenes, worauf Legenden so oft beschränkt werden: Titel (4), Spiele (805), Tore (32), und dass er in drei Saisonen den »Bola de Prata« (»Silberner Ball«) – die Auszeichnung für den besten Spieler einer Position – gewinnen konnte, in seinem Fall: linker Außenverteidiger. Und Wladimir war 1977 auch einer jener elf Spieler, die Corinthians nach 23 Jahren den ersten Titel sicherten. In der 2010 zum einhundertjährigen Jubiläum von Corinthians erschienenen Sonderausgabe des Magazins Placar wurde er im Ranking der herausragendsten Spieler der Vereinsgeschichte an neunter Stellte gereiht. Anführer dieser Liste aus der an Legenden nicht ganz armen Historie waren drei besonders schillernde Namen: Rivellino, Luizinho und Sócrates.

Überhaupt: Roberto Rivellino! Dieses Ausnahmetalent, das mit Corinthians keinen einzigen nennenswerten Titel gewinnen konnte, ist unumstritten für alle noch immer das Idol Nummer eins dieser letzten einhundert Jahre. Was für eine Geste! Und was für eine schallende Ohrfeige in die Richtung jener unwissenden »Objektivitätsidioten« und »Technokraten«, die den Glanz von Futebol als Ansammlung von Statistiken und Titeln in Tabellenform verstehen.

Bei der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko präsentierte Roberto Rivellino den »Elástico« zum ersten Mal einem weltweiten Publikum. Bei dieser im Englischen als »Flip Flap« bezeichneten Finte wird der Ball an der Außenseite des Fußes geführt. Während sich der Gegner in diese Richtung orientiert, wechselt der ballführende Spieler den Ball blitzschnell von der Außen- auf die Innenseite seines Fußes und zieht dabei im Optimalfall an seinem Gegenüber vorbei. Der freundliche Schnauzbartträger aus São Paulo gibt in einem Interview dazu Auskunft und klärt gleichzeitig auf: »Der ›Elástico‹ ist nicht von mir. Ich habe ihn damals von meinem japanischen Freund Sérgio Echigo aus meinem Viertel Liberdade kopiert, der dann später auch bei Corinthians gespielt hat. Ich habe den Trick schon in frühester Jugend übernommen und dann weiterentwickelt. Andere Spieler wie Ronaldinho, Cristiano Ronaldo und Zinédine Zidane haben ihre jeweiligen Versionen davon gezeigt.«

Die Geschichte des »Elástico« ist eine Geschichte, die den Immigrationshintergrund von Brasilien und die Globalisierung von Futebol verknüpft: von Sérgio Echigo, Sohn einer japanischen Immigranten-familie, in Brasilien erfunden, von Roberto Rivellino, brasilianischer Stürmerstar mit italienischen Wurzeln, etabliert und von einem Franzosen, Zinédine Zidane, Sohn algerischer Einwanderer, bei Real Madrid in Spanien perfektioniert.

Abgesehen von Wladimir lerne ich später am Abend noch Mindu und Pulguinha (Flöhchen), den ehemaligen Vizepräsidenten der »Falken«, kennen. Pulguinha ist ein außergewöhnlicher Redner, er verfügt über eine unwiderstehliche Rhetorik, mit der herrlichen Stimmlage eines Bassisten. Er trägt ein Amulett mit einem Abbild von São Jorge, dem Heiligen Georg, dem Drachentöter, dem Märtyrer und dem Schutzpatron von Corinthians. Mindu studierte Geschichte und macht einen ruhigen, ausgeglichenen, weniger impulsiven Eindruck. Er ist mittlerweile in der sozialdemokratischen Arbeiterpartei (PT, Partido dos Trabalhadores) politisch aktiv und hat eine Art Ideologieseminar bei den »Treuen Falken« geleitet. Unter dem strengen Titel »Treue, Demut und Handlungsweise« hat Mindu den zukünftigen Mitgliedern den Verhaltenskodex als Gruppe nähergebracht, Informationen zur Vereinsgeschichte gegeben und für Sensibilisierung gegenüber Gewaltthemen gesorgt.

Ich folge der freundlichen Einladung der »Falken« zum Spiel am kommenden Tag, das prestigeträchtige Lokalderby gegen den FC São Paulo steht auf dem Spielplan. Die auch als »Clássico Majestoso« bezeichnete Auseinandersetzung ist seit jeher eine »majestätische« Begegnung der Extraklasse. Die tabellarische Ausgangslage ist so weit entspannt: Es ist die siebte Runde der Campeonato Paulista – die regionale Meisterschaft der Mannschaften aus dem Bundesstaat São Paulo, die von Ende Januar bis Anfang Mai ausgetragen wird – und beide Teams liegen punktgleich an der Tabellenspitze. Nach neunzehn Spielen qualifizieren sich die ersten acht der zwanzig Teams für das Viertelfinale.

Die landesweite Meisterschaft, die Campeonato Brasileiro, häufiger »Brasileirão« genannt, findet nach Dutzenden Formatänderungen seit 2003 im gleichen Modus wie in den meisten europäischen Ländern statt: Zwischen Mitte Mai und Anfang Dezember ermitteln zwanzig Mannschaften in Hin- und Rückspielen ihren Meister.

Aufgrund dieser zwei Meisterschaften, der hohen Dichte an Spitzenklubs in den Metropolen und des zusätzlichen Pokalbewerbs stehen fast wöchentlich Clássicos auf dem Programm. Das morgige Spiel zwischen Corinthians und FC São Paulo ist bereits das 310. Aufeinandertreffen der beiden Klubs in den vergangenen 82 Jahren. Während der FC São Paulo seit 2005 die Staatsmeisterschaft von São Paulo nicht mehr gewinnen konnte, sicherte sich der Rekordmeister Corinthians 2009 die Silberware zum insgesamt 26. Mal. Im Jahr 1902 gegründet, ist die Campeonato Paulista der älteste ausgetragene Bewerb in ganz Brasilien und trotz aller Kritik am regionalen Charakter, der sehr bescheidenen Zuschauerzahlen (2012: ø 6122) und der hohen Anzahl an zusätzlichen Spielen noch immer mit entsprechend viel Prestige verbunden.

Spieltag! Das Estádio do Pacaembu – offiziell: Estádio Municipal Paulo Machado de Carvalho – befindet sich im namensgebenden Bezirk Pacaembu, direkt an der Praça Charles Miller. Dieser Platz, der nach dem Gründervater und der Galionsfigur von Futebol benannt wurde, liegt wunderbar zentral mitten in São Paulo, am Ende der verkehrsreichen Avenida Pacaembu, links und rechts freundlich umarmt von den steil aufsteigenden Nachbarbezirken.

Erbaut wurde das Stadion bereits 1940, bei der Weltmeisterschaft 1950 in Brasilien fanden hier drei Vorrunden- und drei Finalrundenspiele statt. Europa lag nach dem Zweiten Weltkrieg noch halb in Schutt und Asche, und so nahmen nur sechs europäische Mannschaften teil. Deutschland war von der Teilnahme am Turnier ausgeschlossen und Österreich zog seine Bewerbung noch vor dem Beginn der Qualifikation zurück. Die Schweizer »Nati« belegte in der stark besetzten Gruppe 1 – mit Gastgeber Brasilien, Jugoslawien und Mexiko – den dritten Platz. Weltmeister dieser vierten Endrunde wurde drei Wochen später Uruguay, das sich im legendären »Endspiel« im Estádio do Maracanã in Rio de Janeiro überraschend mit 2 × 1 gegen Brasilien durchsetzte.

Der Eigentümer des Estádio do Pacaembu ist die Stadt São Paulo, der Verein Corinthians nutzt es aufgrund der Abstinenz eines eigenen Stadions primär für seine Heimspiele. Im Unterbau des »Wohnzimmers« von Corinthians ist seit Herbst 2008 auf zwei Ebenen das Museu do Futebol untergebracht, ein sehenswertes Museum mit wechselnden Ausstellungen rund um das Leder und dessen Mythen, Geschichte und Kultur.

Wie die meisten anderen Stadien in Brasilien ist auch das Pacaem-bu nur spärlich überdacht. Das war einer der zahlreich ange-führten Gründe, warum es für die Weltmeisterschaft 2014 als Spielstätte in São Paulo nicht infrage kam. Nach Jahren der politischen Schar-mützel, zurückgetretenen Sportministern, Machbarkeitsstudien und nicht enden wollenden Diskussionen, welches Stadion in São Paulo nun saniert oder erweitert werden sollte, einigten sich die politischen Verantwortlichen auf einen massiv öffentlich subventionierten Neubau eines Stadions für Corinthians im Viertel Itaquera, im Osten São Paulos. Es war eine politische Farce in mehreren Episoden, die selbst den blauäugigsten und überzeugtesten Anhängern von Corinthians missfiel.

Die »Treuen Falken« haben zu ihrem Sektor im Pacaembu einen eigenen Zugangsbereich. Die Militärpolizei, ausgerüstet mit kugelsicherer Weste und Schlagstock, ist für die Sicherheit im Stadion und für die Einlasskontrollen zuständig, die übliche Leibesvisitation, die man über sich ergehen lassen muss. Je nach Bundesstaat sind die Auflagen in den Stadien verschieden: Im strengen, oft paranoid anmutenden São Paulo sind nicht nur Alkohol und Pyrotechnik längst verboten, sondern auch profanere Dinge wie Feuerzeuge oder Zeitungen. Die Verwendung von Musikinstrumenten ist limitiert und Zaun- und Schwenkfahnen dürfen nur nach polizeilicher Genehmigung mitgeführt werden.

Während der Vorbereitungen zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien wurde nicht lange über Belanglosigkeiten wie Zeitungen und Feuerzeuge diskutiert: »Der Alkohol ist Teil der Weltmeisterschaft. Darüber verhandeln wir nicht. Das Gesetz muss eine Bestimmung enthalten, wonach wir das Recht haben, Bier zu verkaufen, keinen Caipirinha, sondern nur Bier«, betonte FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke mit der diplomatischen Sensibilität eines »Roundhouse-Kicks« in die dürstende Visage der brasilianischen Trinkkultur. In einem Rahmengesetz wurde dann schließlich dieser Forderung der FIFA entsprochen und das Alkoholverbot in den Stadien während der Weltmeisterschaft temporär aufgehoben.

Beim Burschen vor mir findet einer der Polizisten etwas Marihuana, versteckt in der Zigarettenpackung. Er ohrfeigt ihn mit voller Wucht und lässt ihn wortlos passieren. Ich bin der Nächste. Kein Marihuana. Kein Schlag ins Gesicht. Es ist eine unbürokratische Lösung, eine einfache Logik abseits jeder Gesetzeslage, die noch immer allzu oft der brasilianischen Realität entspricht. Das Vertrauen in die Polizei ist nicht nur durch Aktionen wie diese bescheiden: Bei Verkehrsdelikten ist es zum Beispiel häufig üblich, die offene Organstrafe am nächsten Geldautomaten gleich direkt in die Tasche des Ordnungshüters zu begleichen. Meine Begleitung Mariana fasst zusammen: »Schlecht ausgebildet, extrem unterbezahlt und sehr korrupt. Komm, wir gehen besser weiter.«

Kurz nach dem Einlass bekreuzigen sich viele der Fans. Einmal, zweimal oder fünfmal, gefolgt von einem andächtigen Blick gen Himmel. Es sind individuelle Rituale, um die Götter hier in der Kathedrale von Pacaembu gnädig zu stimmen.

Die Messe wird pünktlich um 17 Uhr angepfiffen und wie häufig bei dieser Kombination von Tages- und Jahreszeit bricht ein tropisches Gewitter über der Stadt los. In São Paulo könne man alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben, heißt es. Und tatsächlich: Innerhalb weniger Stunden hatten wir heute bereits einen lauen Herbst, einen trockenen Hochsommer, einen regnerischen Frühling und einen kalten Winter.

Die vermeintlich härteren Jungs erkennt man an den nackten Oberkörpern, die Buben und Mädchen sind mit einem »Regenschutz« gekleidet, den man im Stadion erwerben kann. Dabei handelt es sich um eine etwas dickere, faltbare Einwegfolie mit einigen Löchern für diverse Körperteile. Ich entscheide mich aus Gründen der Eitelkeit und der Credibility in der Kurve für erstere Variante.

In Brasilien ist die Tätowierungsdichte generell beeindruckend hoch, aber hier nähert sie sich dem dreistelligen Prozentbereich an. Viele Besucher sind durchtrainierte junge Männer mit tätowierten Falken, Adaptionen des Vereinslogos auf den Oberarmen oder flächendeckend auf dem ganzen Rücken. Auch ältere Herrschaften, Frauen und Kinder finden sich auf den Stehplätzen der organisierten Fangruppierungen wieder. Einige von ihnen haben kleine Kofferradios ans Ohr gedrückt, um parallel zum Livebild auch über Abseitsstellungen, Statistiken und Spiele der Konkurrenz informiert zu werden.

Unmittelbar nach Anpfiff jeder Halbzeit wird eine 250 Meter lange und 35 Meter breite Fahne für einige Minuten über die Sektoren geflaggt. Die Atmosphäre unter der Bandeirão ist einzigartig: das gebrochene Licht, der dünne Stoff, der mit jeder Bewegung auf die nasse Haut klatscht, brüllende Teenager, weinende Familienväter, die klebrige Luft, vermischt mit dem Duft von Marihuana, der Takt der Paukenschläge und ein Lärmpegel von Tausenden, die gemeinsam »Aqui tem um Bando de Louco!« anstimmen – »Hier ist eine Gruppe von Verrückten!«. Für einige Minuten bin ich Teil dieser Bewegung, dieser populären und anziehenden Subkultur, dieses atmenden Körpers, Teil einer kollektiven Identität: »Wir sind eine Torcida mit einem Team!«

Sócrates äußerte sich – im übertragenen Sinne – gerne zu dieser Flagge, und was er sagte, unterstreicht deren Bedeutung: »Corinthians ist wie eine Fahne, die eine Legion von Anhängern zusammenschließt. Diese Fans haben das Gesicht, das Aussehen von Brasilien: der Migrant, der Leidende und der Kämpfer. Ich sehe also die Wichtigkeit der Flagge genau darin, sie ist Kern des Zusammenschlusses der sozial Bedürftigsten dieses Landes. Natürlich existiert zusätzlich immer noch eine gemeinsame sportliche Vision, aber wenn sich dieses Publikum organisieren würde, wäre es sehr stark und könnte etwas bewegen. Diese Flagge könnte vielleicht sogar wichtiger sein als unsere Nationalflagge.«

Ich spreche Mariana und den politisch engagierten Mindu auf die soziale Dimension an: »Heute? Wenn du mich fragst, ist sie kaum noch vorhanden. Die ›Treuen Falken‹ waren früher mehr eine politische Bewegung, wir hatten eine Haltung und kommunizierten sie auch. Heute beschränken wir uns nur noch darauf, das Team zu unterstützen. Das ist alles. Corinthians ist die Botschaft.« Etwas resigniert und unglücklich wirkend fügt Mindu hinzu: »So ist es für die meisten mittlerweile. Leider.«

Der Stellenwert von Sócrates innerhalb der Torcida ist dennoch nach wie vor enorm. Viele hätten ihn gerne als Präsidenten von Corinthians gesehen, seine Worte wurden und werden regelmäßig zitiert. Auf die Frage nach den doch häufigen und heftigen Ausschreitungen antwortete er: »Wie bei jeder populären Organisation gibt es mehrere Seiten. Man vereint Werte von absolut verschiedenen Charakteren. Wenn du eine interessante Flagge hast, die es schafft, einen Großteil der Bevölkerung anzuziehen, dann veränderst du den Kontext und die Verhaltensweise und sie wird fester Bestandteil in einem politischen Prozess. Und infolgedessen wird sie mit einer größeren sozialen Verantwortung aufgeladen. Der Unterschied ist, dass du unter dieser großen Flagge eines Teams auch gewaltbereite Gruppierungen hast, die sich darin schützen. Personen ohne Perspektive, was auch beim englischen Fußball vor einigen Jahrzehnten passiert ist. Was hatten diese jungen Menschen für Perspektiven? Kaum welche. Du hast eine Masse an Menschen, die dich beschützt, so etwas wie eine Truppe. Allein ist es schwieriger zu provozieren. Das alles ist eine Frage der sozialen Perspektive. Und der Sport, in diesem Fall Futebol, der beliebteste von allen, erlaubt diese Entgleisung.«

Das Spiel endet 1 × 0 für Corinthians. Tor durch Danilo. Ein vergebener Elfmeter von Jadson und eine Rote Karte für João Felipe. Heute gibt es – vor, während und nach dem Spiel – keine Entgleisungen.

Doch das ist nicht immer so. Rund einen Monat später verabreden sich einige hundert gewaltbereite »Treue Falken« mit Anhängern des Lokalrivalen Palmeiras im Norden der Stadt: Schwere Ausschreitungen fordern zwei Tote und zahlreiche Verletzte. Es ist der vorläufige Tiefpunkt einer langen Liste von Auseinandersetzungen innerhalb einer komplexen Begriffswolke: Gesellschaft, Sozialisierung, Bildung, Politik und Gewalt.

Es ist Mitte Februar, oder anders ausgedrückt: Karneval! Eine Zeit, in der sich ganz Brasilien im taumelnden Ausnahmezustand befindet. In diesen Tagen ist es unmöglich, einen Interviewtermin zu bekommen. Eine schlichte E-Mail-Antwort: sehr schwierig. Ein schneller Cafézinho für ein paar Fragen: »Bitte melde dich nach dem Karneval noch einmal. Muito Obrigado! Vielen Dank! Um Abraço! Eine Umarmung!«

Auch für die »Treuen Falken« ist dieser Abschnitt des Jahres kein gewöhnlicher. Ein Teil ihrer Popularität beruht auf ihrem Engagement abseits von Futebol und Corinthians. Im Jahr 1976 gründeten die »Falken« eine eigene Sambatruppe für den Karnevalsumzug. Daraus wurde eine Sambaschule, und so kam es zu dem Kuriosum, dass eine Fangruppierung den Karnevalswettbewerb in São Paulo bereits mehrfach gewonnen hat.

Aber selbst hier gehen die Clássicos in die nächste Runde: Die Fangruppierung »Mancha Verde« von Palmeiras und die »Dragões da Real« vom FC São Paulo stellen seit einigen Jahren ebenso eine Sambaschule wie die »Treuen Falken« von Corinthians. Diese Art der Derbys gibt es einmal im Jahr und exklusiv nur in São Paulo. Wenn sich dann die Sambaschulen beim Karnevalsumzug tanzend durch die Arena bewegen, verwandelt sich das über 500 Meter lange Sambódromo des Architekten Oscar Niemeyer in die beeindruckendste und schillerndste Längstribüne der Welt. Diesen Effekt nutzt man auch bei den Olympischen Sommerspielen 2016: Das ebenfalls von Oscar Niemeyer entworfene Sambódromo in Rio de Janeiro wird als Zielgerade für den Marathonbewerb fungieren.

Im Jahr 2012 endet der Bewerb für die Sambaschule der »Treuen Falken« jedoch enttäuschend: Ausgerechnet mit der wenig geliebten Schule vom FC São Paulo belegte man punktgleich den siebenten Rang, während die Schule von Palmeiras mit lediglich 0,2 Punkten Vorsprung Vierter wurde.

Das umfassende Regelwerk zur Bewertung des Gebotenen lässt Futebol aussehen wie ein unschuldiges Spiel auf dem Pausenhof: Hier ist von Evolution, Thema, Harmonie, Verkleidung, Rhythmus und Allegorie die Rede. Nachdem alle vierzehn Schulen ihr Programm beendet haben, vergeben 45 Jurorinnen und Juroren die Punkte. Rogério Felix, Mitglied der Karnevalskommission, gibt über das Konzept des Gesamtkunstwerkes Auskunft: »Wenn die Schule singt, erreicht sie das Publikum, und wenn das Publikum mit der Schule singt, ist das ganze Spektakel komplett. Die Show des Karnevals muss auf der Piste beginnen und auf den Tribünen enden.«

Wenn nach einigen Wochen der nationale Kater überstanden ist, sind auch die »Treuen Falken« wieder ansprechbar. Ich besuche sie mit Luís, dem Verteidiger aus meiner Kickrunde, in ihrem Hauptquartier in der Nähe des Busbahnhofs. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine banale Lagerhalle, doch im Innern offenbart sich eine Kombination aus Restaurant, Veranstaltungszentrum, Fanshop und zentralem Kleinfeld. In einer Ecke befinden sich ein paar Computer, die den Mitgliedern für Kurse zur Verfügung stehen. Das ganze Setting gleicht mehr einem Jugendzentrum oder einer sozialen Einrichtung als dem Treffpunkt der populärsten Fangruppierung Brasiliens.

Es ist Samstag. Und wie jeden Samstag steht in ganz Brasilien, also auch hier, das Nationalgericht Nummer eins auf dem Speiseplan: Feijoada, ein Bohneneintopf mit Fleisch, der mit Reis und Farofa als Beilage serviert wird. Farofa ist ein etwas gewohnheitsbedürftiges gelbgoldenes Mehl, das aus der Maniok-Pflanze gewonnen wird. Wer Sägemehl mag, wird Farofa lieben.

Die selbstbewussten Anhänger von Corinthians bezeichnen ihre Mannschaft gerne als »das beste Team der Welt«, vor allem seit dem Gewinn der ersten Klub-Weltmeisterschaft im Jahr 2000. An diesem inoffiziellen Titel kratzte jedoch lange die Tatsache, dass Corinthians im Gegensatz zu allen drei Lokalrivalen – Palmeiras (1999), FC Santos (1962, 1963, 2011) und FC São Paulo (1992, 1993, 2005) – nie die Copa Libertadores, das südamerikanische Gegenstück zur europäischen Champions League, gewinnen konnte, weshalb ihnen diese Bezeichnung, nicht nur in São Paulo, mit entsprechender Leidenschaft abgesprochen wurde. Dieser Makel war eine offene Wunde, in welche die Anhänger der anderen Paulista-Teams – die »Schweine«, die »Fische« und die »Bambis« – nur zu gerne ihre Finger legten.

Die Auseinandersetzung mit dem Gegner findet, im Vergleich zu Europa, oft auf viel subtileren, ideenreicheren und ironischeren Ebenen statt: Als Corinthians in der Saison 2011 gegen das kolumbianische Team Deportes Tolima in der Qualifikation zur Copa Libertadores erneut frühzeitig ausschied, waren in den folgenden Wochen die eigens gefertigten gelb-weinroten Trikots der Überraschungsmannschaft Tolima das beliebteste Merchandising-Produkt in der ganzen Stadt. Auch Luís konnte es nicht fassen: »Es war wirklich peinlich. Eine Niederlage gegen ein Team aus der Provinz Tolima! Wo ist das überhaupt? Ein Team aus Kolumbien! Sai Zica! Erlöse uns von dem verdammten Fluch der Copa Libertadores!«

Und dann! Der 4. Juli 2012, 21.50 Uhr Ortszeit, im Estádio do Pacaembu in São Paulo: Das Rückspiel im Finale der Copa Libertadores gegen Boca Juniors aus Buenos Aires. Nach einem 1 × 1 im Hinspiel wird im eigenen »Wohnzimmer« mit einem 2 × 0 alles klar gemacht. »Das beste Team der Welt«, eine »Gruppe von Verrückten« und Millionen Anhänger in Brasilien feiern die Party ihres Lebens. Endlich!

Unter der Fahne des »besten Teams der Welt«: Das gebrochene Licht, der dünne Stoff, der mit jeder Bewegung auf die nasse Haut klatscht, brüllende Teenager, weinende Familienväter, die klebrige Luft, vermischt mit dem Duft von Marihuana, der Takt der Paukenschläge und ein Lärmpegel von Tausenden, die gemeinsam »Aqui tem um Bando de Louco!« anstimmen – »Hier ist eine Gruppe von Verrückten!« © Alois Gstöttner, September 2013, São Paulo

Unter der Fahne des »besten Teams der Welt«: Das gebrochene Licht, der dünne Stoff, der mit jeder Bewegung auf die nasse Haut klatscht, brüllende Teenager, weinende Familienväter, die klebrige Luft, vermischt mit dem Duft von Marihuana, der Takt der Paukenschläge und ein Lärmpegel von Tausenden, die gemeinsam »Aqui tem um Bando de Louco!« anstimmen – »Hier ist eine Gruppe von Verrückten!« © Alois Gstöttner, September 2013, São Paulo

Einige Wochen später treffe ich Mariana: blonde Haare, ein Gesicht voller Sommersprossen und einen brüllenden zweijährigen Sohn unterm Arm. Mariana ist die Antithese dessen, was man sich unter einem aktiven Mitglied der populärsten, der fanatischsten, aber auch der umstrittensten Fangruppierung Brasiliens vorstellt, der Torcida des Sport Club Corinthians Paulista aus São Paulo. Mariana studierte Psychologie an der Päpstlichen Katholischen Universität (PUC) und schrieb ihre Diplomarbeit zum Thema »Corinthians, Heldenmythen und Sigmund- Freud«. Als Anhängerin von Corinthians identifiziert man sie in erster Linie anhand zweier Merkmale: zum einen durch eine Tätowierung in Form des historischen Vereinswappens auf ihrer rechten Schulter, zum anderen durch den Klingelton ihres Mobiltelefons, der pathetischen Hymne von Corinthians. Wenn sie sich nicht fortlaufend mit selbigem beschäftigt, dann spricht Mariana mit Hingabe über ihr Team, als wäre sie im Aufsichtsrat oder in einer leitenden Position angestellt: »Corinthians ist mein Leben und meine Familie. Es ist alles.« In diesem Zusammenhang erwähnt sie auch ein beliebtes Zitat, um den Stellenwert von Corinthians zu unterstreichen: »Corinthians ist kein Team mit einer Torcida. Corinthians ist eine Torcida mit einem Team.«

Mit mehr als 80.000 zahlenden Mitgliedern sind die »Treuen Falken« (»Gaviões da Fiel«) die mitgliederstärkste aller organisierten Fangruppierungen in Brasilien, und so kann dieses Zitat – wenn man so will – auch als Drohung interpretiert werden.

Der neu verpflichtete Superstar Roberto Carlos fürchtete zum Beispiel nach dem frühzeitigen Aus von Corinthians in der Copa Liber-tadores im Jahr 2011 um seine persönliche Sicherheit, als er von Motorrädern verfolgt und von anonymen Anrufern bedroht wurde. Es sind oft Aktionen wie diese, mit denen die »Treuen Falken« für Schlagzeilen sorgen. Der brasilianischen Medienmaschinerie ist es gleichgültig, ob tatsächlich einzelne Personen der »Falken« beteiligt waren oder nicht – ihr populärer Name beziehungsweise die Farben des Teams reichen oft aus, um einen Zusammenhang zwischen ihnen und gewalttätigen Vorfällen zu konstruieren. Der Terminus »Torcida« wird dann plötzlich mit »Hooligan« gleichgesetzt und alle Bewohner von Armenvierteln werden zu einer Bande von Schlägern, Vagabunden und Radikalen. Es ist eine von Populismus geprägte Berichterstattung, die sämtliche Klischees und Vorurteile bedient.

Dieser Art der medialen Vorverurteilung versucht Mariana entgegenzuwirken: »Ich sage immer zu unseren Leuten: ›Passt auf, wenn ihr das Trikot von Corinthians tragt. Baut bitte keinen Mist.‹ Gab es gestern eine Schlägerei in einer Bar, sind wir morgen wieder in der Zeitung. Wir können nur darauf hinweisen, viel mehr können wir nicht tun. Wir können und wollen nicht kontrollieren, was 100.000 in ihrer Freizeit machen. Das hat weder mit Futebol noch mit Corinthians was zu tun.«

Die Geburtsstunde des Sport Club Corinthians Paulista war am 1. September des Jahres 1910, als zwei Maler, ein Fahrer, ein Schuster und ein Maurer beschlossen, ihren eigenen Fußballklub zu gründen. In Brasilien war Futebol zur damaligen Zeit ein Sport der Eliten, der in seinen ersten Jahrzehnten primär von englischen beziehungsweise europäischen Einwanderern ausgeübt wurde. Das Importgut Futebol war eine Frage des Lebensstils, und eine anglophile Haltung war eine Frage der sozialen Klasse. Das noble Ziel der Klubgründung von Corinthians war es, Futebol einer breiteren Masse zugänglich zu machen. Dieses Image des Arbeitervereins wird vom Klub und der Torcida bis heute nachhaltig gepflegt, was sich nicht zuletzt in der Bezeichnung »Time do Povo« (Team des Volkes) ausdrückt.

Vorbild bei der Namensgebung war das englische Team mit dem Namen Corinthian Football Club, eine Amateurmannschaft aus London, deren Vereinssatzung es den Spielern verbot, an Wettbewerben und Preisspielen teilzunehmen. Da ihnen auf diese Weise Spiele gegen die besten Vereine aus der englischen Football Association weitgehend versagt blieben, begab sich der Klub, der stets einen makellosen Ruf genoss, zunehmend auf weltweite Tourneen. Im August 1910 besuchte das englische Team Brasilien und konnte alle sechs angesetzten Freundschaftsspiele gewinnen. Unter dem bleibenden Eindruck des erfolgreichen und auch ansehnlichen Spiels der Engländer setzte sich der Vorschlag »Sport Club Corinthians Paulista« des Malers und Anstreichers Joaquim Ambrósio- durch.

Die jüngere Geschichte von Corinthians bestimmten drei identitätsstiftende Momente, die die Mythen rund um das jeweilige Team und seine Epoche reichhaltig nährten. Aber auch das Selbstverständnis und die Haltung der Anhänger gegenüber Corinthians wurden durch diese drei Ereignisse massiv geprägt.

Moment 1: Ein viertel Jahrhundert ohne Titel. In den 23 Jahren zwischen 1954 und 1977 konnte der erfolgsverwöhnte Klub keinen einzigen Titel gewinnen, bis schließlich am 13. Oktober 1977 Basílio das erlösende Tor gegen das Team von Ponte Preta aus der Nachbarstadt Campinas erzielte und Corinthians zum insgesamt sechzehnten Mal die Staatsmeisterschaft von São Paulo feiern durfte.

Seu Jorge, ein älterer Stammgast in meinem Lieblingslokal in São Paulo, ist in den 1940er-Jahren geboren und spricht über diese langen 23 Jahre so: »Seitdem sich mein Vater das erste Mal mit meiner Mutter verabredet hat, bin ich Anhänger von Corinthians. Ich bin in einem sehr religiösen Umfeld aufgewachsen und war ein junger Bursche. In diesen Jahren aber wurde ich Schritt für Schritt zum Atheisten. Ich bin wirklich überzeugt davon, es kann keinen Gott geben. Ganz ehrlich: Es war eine grausame Zeit für jeden von uns.«

Der Pater James Crowe sieht das anders, er interpretiert die Geschichte in der Dokumentation 23 Jahre in 7 Sekunden theologischer: »Ich denke, der gekreuzigte Jesus Christus und diese 23 Jahre ohne Titel für Corinthians sind das Gleiche. Beide haben sie sich, bis zu ihrer Auferstehung, nie aufgegeben.«

Moment 2: Rebellen am Ball. 1982, im achtzehnten Jahr der 21 Jahre andauernden Militärdiktatur, initiierte die Gruppe um die Spieler Sócrates, Wladimir, Zenon und Casagrande gemeinsam mit dem Sportdirektor und Soziologen Adílson Monteiro Alves eine Demokratiebewegung innerhalb des eigenen Vereins, die »Democracia Corinthiana«.

Vor einigen Jahren, als ich Sócrates, den intellektuellen und wortgewandten Anführer dieser Gruppe, interviewte, sprachen wir auch darüber, über die Bewegung und ihren informellen Ausgangspunkt. Wir verabredeten uns in der Choperia Pinguim, einer populären Bar im Zentrum von Ribeirão Preto, Heimatort von Sócrates. Die rund 500.000 Einwohner zählende Stadt ist vor allem für eine Sache bekannt: Es gibt das beste Bier in ganz Brasilien. Der Name Sócrates ist eng verbunden mit Begriffen wie »Freiheit« und »Demokratie« und steht seit den Weltmeisterschaften 1982 und 1986 wie ein weltweit geschützter Markenname für das »schöne Spiel«.

Sócrates wurde am 19. Februar 1954 in Belém, im Norden Brasiliens, geboren. Er wuchs in der Provinzstadt Ribeirão Preto auf, rund vier Autobusstunden beziehungsweise 300 Kilometer nördlich von São Paulo. Während seines Medizinstudiums begann er seine Karriere beim lokalen Team Botafogo und wechselte 1978 als promovierter Doktor zu Corinthians nach São Paulo. Dort wurde er im offensiven Mittelfeld mit 172 Toren in 297 Spielen zur Kultfigur.

Ein Jahr spielte er in Italien beim AC Florenz, er war Kapitän der Seleção von 1982 und Südamerikas Fußballer des Jahres 1983. Nach seinem Ausflug nach Italien wechselte er zum Team Flamengo nach Rio de Janeiro, bevor er als 34-Jähriger bei seiner »Jugendliebe« FC Santos seine Karriere beendete.

Sócrates ist Vater von sechs Söhnen und arbeitet als Autor, Kolumnist und Fernsehkommentator. Seine Kleidung: Shorts, Laufschuhe, Tennissocken und ein hellblaues T-Shirt – als wir uns treffen, sieht er aus, als würde er gerade von einem Tennisspiel oder einem Waldlauf kommen. Das vernarbte Gesicht und der Vollbart eines linken Rebellen verleihen ihm die Aura eines griechischen Philosophen, die sein Name so nahelegt. Seine Ausdrucksweise ist gewählt, er spricht langsam und mit Nachdruck: »In einer klassischen Arbeitsbeziehung, vor allem zur Zeit der Militärdiktatur, hatte der einfache Arbeiter keine Möglichkeit, gehört zu werden, nicht einmal, wenn es um Angelegenheiten der eigenen Tätigkeit ging. Wir haben diesen Prozess bei Corinthians umgekehrt. Wir haben uns Rechte erkämpft, die bis heute selten sind. Wir haben jede Entscheidung kollektiv getroffen und uns an der gesamten Führung des Klubs mit beteiligt. Und das auf einem einzigartigen Gleichheitsniveau: Der einfachste Angestellte hatte das gleiche Gewicht wie der Repräsentant des Unternehmens, der Klubchef hatte nicht mehr zu sagen als der dritte Torwart, seine Stimme hatte den gleichen Wert. Es war also alles sehr demokratisch. Diese Zeit war wunderbar und hat uns alle nachhaltig verändert.«

Es waren Jahre, geprägt von eingeschränkter Freiheit, Zensur und einer Politik der Unterdrückung. In Zeiten einer Militärdiktatur war es ein mutiges und wichtiges Projekt, das national und international für viel Aufsehen und Beifall sorgte.

Unsere Bar ist gut besucht. Während des Gesprächs erfüllt Sócrates Dutzende Foto- und Autogrammwünsche. Ein exzentrischer Kinobesitzer leistet uns für ein Erfrischungsgetränk Gesellschaft und der Küchengehilfe, ein junger Bursche, besucht uns ebenfalls im Laufe des Nachmittags. Sie unterhalten sich ausgiebig über Kickboxen.

Sócrates spricht weiter über die Auswirkungen der »Democracia Corinthiana«: »Die Neuen waren am Anfang wirklich verzweifelt: ›Warum spricht hier niemand über Fußball?‹ ›Dann fang halt an, was über Politik zu lesen, weil hier wird nur über Politik gelabert!‹, haben wir geantwortet. Die sind regelrecht erschrocken. Die mussten dann einiges dazulernen. Ja, das war wirklich verrückt. Ich denke, unsere Bewegung war für den Diskurs über den demokratisierenden Prozess des Landes sehr unterstützend. Brasilien war noch nicht daran gewöhnt, sein Recht zu wählen auszuüben, das Recht, seine Repräsentanten selbst zu bestimmen. Es war also ein fundamentales Hilfsmittel im Prozess der Neugestaltung des Landes.«

Und als formuliere er den ersten Punkt des Manifests einer Revolution, sagt Sócrates: »Man braucht keine Partei, um eine Masse zu mobilisieren. Man braucht nur Ideen und Mut, um ein Land zu verändern.«

Seine Stimme wird lauter und seine Stirn legt sich in Falten: »Niemand mischt auf. Wieso? ›Ah, es gibt kein Geld!‹ Was heißt, es gibt kein Geld? Es gibt Familien, in denen sechs Kinder mit einem Mindestgehalt ernährt werden. Alles ist möglich. Man muss nur mutig sein. Was fehlt? Erstens Kreativität, zweitens Planung, drittens Mut.«

Sócrates ist immer noch der rebellische Intellektuelle mit der stolzen Attitüde eines einsamen Guerilla-Kämpfers, wie einige Jahrzehnte zuvor, als er in einem Interview sagte: »Wenn es nötig wäre, um soziale Probleme zu lösen, würde ich auch zum Gewehr greifen.« Kein anderer erkannte die politische Dimension von Futebol wie er und wusste sie zugleich zu nutzen. »Ein Symbol der Revolution, wie Che Guevara«, schreibt der renommierte Journalist Juca Kfouri über Sócrates.

Ein Typ stapelt bereits die gelben Plastikstühle aufeinander und das füllige Mädchen im eng geschnittenen, neongelben Top bringt die Rechnung. Sócrates zwinkert ihr zu: »Uma Saideira!« Ein allerletztes Bier.

Moment 3: Abstieg in die zweite Liga und Wiederaufstieg. Im Dezember 2007 stieg Corinthians erstmals in der Vereinsgeschichte in die Série B ab, um eine Saison später, am 25. Oktober 2008 um 17.45 Uhr, nach 328 Tagen mit viel Pathos und Bächen voll Tränen wieder zurückzukommen. Es war ein Jahr, das viele Anhänger heute als ein reinigendes Gewitter in Erinnerung haben: »Es war eine Lektion, um unsere Liebe zu prüfen und zu erneuern.«

Demokratisch gewählt wird auch heute: Ich verabrede mich mit Mariana anlässlich der anstehenden Wahl des neuen Vereinspräsidenten im Parque São Jorge, in der Vereinszentrale von Corinthians. Die »Zentrale« ist knapp 25 Kilometer von meiner Wohnung entfernt. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bin ich eine Stunde und zwanzig Minuten unterwegs: drei Busse, 42 Haltestellen. In São Paulo mangelt es an mehreren Dingen, ganz gewiss aber an einem gut funktionierenden System der öffentlichen Verkehrsmittel.

Alle Mitglieder des Sport Club Corinthians Paulista sind im Rahmen dieser Wahl zur Stimmabgabe für ihren Favoriten aufgerufen: Zur Wahl stehen Mário Gobbi und Paulo Garcia für eine Periode von vier Jahren, als Nachfolger von Andrés Sánchez, der politisch ausgezeichnet vernetzt war und bis ganz nach oben – zum ehemaligen Präsidenten von Brasilien und bekennenden Corinthians-Anhänger Luiz Inácio Lula da Silva – beste Verbindungen pflegte. Nicht nur in Italien mit Silvio Berlusconi, auch in Brasilien sind Futebol und Política ein brüderliches Paar, das sich gerne mal unterstützend und kollegial unter die Arme greift.

Der »Demokrat« Wladimir, mit 805 Einsätzen Rekordspieler und Vereinsikone von Corinthians, ist auch hier. Er wirbt für den Außenseiter Paulo Garcia und ist hauptsächlich damit beschäftigt, Hände zu schütteln, Autogrammwünsche zu erfüllen und für Fotos zu posieren. Väter reden auf ihre Töchter und Söhne ein, während sie wild in die Richtung von Wladimir gestikulieren, als würde es sich um einen alten Freund der Familie handeln, der lange auf einer Dienstreise in Übersee war und jetzt endlich mal wieder auf Heimatbesuch ist.

Mariana kennt »Wladi« persönlich und stellt ihn mir vor. Er hat ein strahlendes Lächeln und eine liebenswürdige, einladende Art, mir das Gefühl zu geben: »Schön, dass du auch bei Corinthians bist. Willkommen im Klub!« Ich wusste leider nicht allzu viel über Wladimir, nur eben jenes, worauf Legenden so oft beschränkt werden: Titel (4), Spiele (805), Tore (32), und dass er in drei Saisonen den »Bola de Prata« (»Silberner Ball«) – die Auszeichnung für den besten Spieler einer Position – gewinnen konnte, in seinem Fall: linker Außenverteidiger. Und Wladimir war 1977 auch einer jener elf Spieler, die Corinthians nach 23 Jahren den ersten Titel sicherten. In der 2010 zum einhundertjährigen Jubiläum von Corinthians erschienenen Sonderausgabe des Magazins Placar wurde er im Ranking der herausragendsten Spieler der Vereinsgeschichte an neunter Stellte gereiht. Anführer dieser Liste aus der an Legenden nicht ganz armen Historie waren drei besonders schillernde Namen: Rivellino, Luizinho und Sócrates.

Überhaupt: Roberto Rivellino! Dieses Ausnahmetalent, das mit Corinthians keinen einzigen nennenswerten Titel gewinnen konnte, ist unumstritten für alle noch immer das Idol Nummer eins dieser letzten einhundert Jahre. Was für eine Geste! Und was für eine schallende Ohrfeige in die Richtung jener unwissenden »Objektivitätsidioten« und »Technokraten«, die den Glanz von Futebol als Ansammlung von Statistiken und Titeln in Tabellenform verstehen.

Bei der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko präsentierte Roberto Rivellino den »Elástico« zum ersten Mal einem weltweiten Publikum. Bei dieser im Englischen als »Flip Flap« bezeichneten Finte wird der Ball an der Außenseite des Fußes geführt. Während sich der Gegner in diese Richtung orientiert, wechselt der ballführende Spieler den Ball blitzschnell von der Außen- auf die Innenseite seines Fußes und zieht dabei im Optimalfall an seinem Gegenüber vorbei. Der freundliche Schnauzbartträger aus São Paulo gibt in einem Interview dazu Auskunft und klärt gleichzeitig auf: »Der ›Elástico‹ ist nicht von mir. Ich habe ihn damals von meinem japanischen Freund Sérgio Echigo aus meinem Viertel Liberdade kopiert, der dann später auch bei Corinthians gespielt hat. Ich habe den Trick schon in frühester Jugend übernommen und dann weiterentwickelt. Andere Spieler wie Ronaldinho, Cristiano Ronaldo und Zinédine Zidane haben ihre jeweiligen Versionen davon gezeigt.«

Die Geschichte des »Elástico« ist eine Geschichte, die den Immigrationshintergrund von Brasilien und die Globalisierung von Futebol verknüpft: von Sérgio Echigo, Sohn einer japanischen Immigranten-familie, in Brasilien erfunden, von Roberto Rivellino, brasilianischer Stürmerstar mit italienischen Wurzeln, etabliert und von einem Franzosen, Zinédine Zidane, Sohn algerischer Einwanderer, bei Real Madrid in Spanien perfektioniert.

Abgesehen von Wladimir lerne ich später am Abend noch Mindu und Pulguinha (Flöhchen), den ehemaligen Vizepräsidenten der »Falken«, kennen. Pulguinha ist ein außergewöhnlicher Redner, er verfügt über eine unwiderstehliche Rhetorik, mit der herrlichen Stimmlage eines Bassisten. Er trägt ein Amulett mit einem Abbild von São Jorge, dem Heiligen Georg, dem Drachentöter, dem Märtyrer und dem Schutzpatron von Corinthians. Mindu studierte Geschichte und macht einen ruhigen, ausgeglichenen, weniger impulsiven Eindruck. Er ist mittlerweile in der sozialdemokratischen Arbeiterpartei (PT, Partido dos Trabalhadores) politisch aktiv und hat eine Art Ideologieseminar bei den »Treuen Falken« geleitet. Unter dem strengen Titel »Treue, Demut und Handlungsweise« hat Mindu den zukünftigen Mitgliedern den Verhaltenskodex als Gruppe nähergebracht, Informationen zur Vereinsgeschichte gegeben und für Sensibilisierung gegenüber Gewaltthemen gesorgt.

Ich folge der freundlichen Einladung der »Falken« zum Spiel am kommenden Tag, das prestigeträchtige Lokalderby gegen den FC São Paulo steht auf dem Spielplan. Die auch als »Clássico Majestoso« bezeichnete Auseinandersetzung ist seit jeher eine »majestätische« Begegnung der Extraklasse. Die tabellarische Ausgangslage ist so weit entspannt: Es ist die siebte Runde der Campeonato Paulista – die regionale Meisterschaft der Mannschaften aus dem Bundesstaat São Paulo, die von Ende Januar bis Anfang Mai ausgetragen wird – und beide Teams liegen punktgleich an der Tabellenspitze. Nach neunzehn Spielen qualifizieren sich die ersten acht der zwanzig Teams für das Viertelfinale.

Die landesweite Meisterschaft, die Campeonato Brasileiro, häufiger »Brasileirão« genannt, findet nach Dutzenden Formatänderungen seit 2003 im gleichen Modus wie in den meisten europäischen Ländern statt: Zwischen Mitte Mai und Anfang Dezember ermitteln zwanzig Mannschaften in Hin- und Rückspielen ihren Meister.

Aufgrund dieser zwei Meisterschaften, der hohen Dichte an Spitzenklubs in den Metropolen und des zusätzlichen Pokalbewerbs stehen fast wöchentlich Clássicos auf dem Programm. Das morgige Spiel zwischen Corinthians und FC São Paulo ist bereits das 310. Aufeinandertreffen der beiden Klubs in den vergangenen 82 Jahren. Während der FC São Paulo seit 2005 die Staatsmeisterschaft von São Paulo nicht mehr gewinnen konnte, sicherte sich der Rekordmeister Corinthians 2009 die Silberware zum insgesamt 26. Mal. Im Jahr 1902 gegründet, ist die Campeonato Paulista der älteste ausgetragene Bewerb in ganz Brasilien und trotz aller Kritik am regionalen Charakter, der sehr bescheidenen Zuschauerzahlen (2012: ø 6122) und der hohen Anzahl an zusätzlichen Spielen noch immer mit entsprechend viel Prestige verbunden.

Spieltag! Das Estádio do Pacaembu – offiziell: Estádio Municipal Paulo Machado de Carvalho – befindet sich im namensgebenden Bezirk Pacaembu, direkt an der Praça Charles Miller. Dieser Platz, der nach dem Gründervater und der Galionsfigur von Futebol benannt wurde, liegt wunderbar zentral mitten in São Paulo, am Ende der verkehrsreichen Avenida Pacaembu, links und rechts freundlich umarmt von den steil aufsteigenden Nachbarbezirken.

Erbaut wurde das Stadion bereits 1940, bei der Weltmeisterschaft 1950 in Brasilien fanden hier drei Vorrunden- und drei Finalrundenspiele statt. Europa lag nach dem Zweiten Weltkrieg noch halb in Schutt und Asche, und so nahmen nur sechs europäische Mannschaften teil. Deutschland war von der Teilnahme am Turnier ausgeschlossen und Österreich zog seine Bewerbung noch vor dem Beginn der Qualifikation zurück. Die Schweizer »Nati« belegte in der stark besetzten Gruppe 1 – mit Gastgeber Brasilien, Jugoslawien und Mexiko – den dritten Platz. Weltmeister dieser vierten Endrunde wurde drei Wochen später Uruguay, das sich im legendären »Endspiel« im Estádio do Maracanã in Rio de Janeiro überraschend mit 2 × 1 gegen Brasilien durchsetzte.

Der Eigentümer des Estádio do Pacaembu ist die Stadt São Paulo, der Verein Corinthians nutzt es aufgrund der Abstinenz eines eigenen Stadions primär für seine Heimspiele. Im Unterbau des »Wohnzimmers« von Corinthians ist seit Herbst 2008 auf zwei Ebenen das Museu do Futebol untergebracht, ein sehenswertes Museum mit wechselnden Ausstellungen rund um das Leder und dessen Mythen, Geschichte und Kultur.

Wie die meisten anderen Stadien in Brasilien ist auch das Pacaem-bu nur spärlich überdacht. Das war einer der zahlreich ange-führten Gründe, warum es für die Weltmeisterschaft 2014 als Spielstätte in São Paulo nicht infrage kam. Nach Jahren der politischen Schar-mützel, zurückgetretenen Sportministern, Machbarkeitsstudien und nicht enden wollenden Diskussionen, welches Stadion in São Paulo nun saniert oder erweitert werden sollte, einigten sich die politischen Verantwortlichen auf einen massiv öffentlich subventionierten Neubau eines Stadions für Corinthians im Viertel Itaquera, im Osten São Paulos. Es war eine politische Farce in mehreren Episoden, die selbst den blauäugigsten und überzeugtesten Anhängern von Corinthians missfiel.

Die »Treuen Falken« haben zu ihrem Sektor im Pacaembu einen eigenen Zugangsbereich. Die Militärpolizei, ausgerüstet mit kugelsicherer Weste und Schlagstock, ist für die Sicherheit im Stadion und für die Einlasskontrollen zuständig, die übliche Leibesvisitation, die man über sich ergehen lassen muss. Je nach Bundesstaat sind die Auflagen in den Stadien verschieden: Im strengen, oft paranoid anmutenden São Paulo sind nicht nur Alkohol und Pyrotechnik längst verboten, sondern auch profanere Dinge wie Feuerzeuge oder Zeitungen. Die Verwendung von Musikinstrumenten ist limitiert und Zaun- und Schwenkfahnen dürfen nur nach polizeilicher Genehmigung mitgeführt werden.

Während der Vorbereitungen zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien wurde nicht lange über Belanglosigkeiten wie Zeitungen und Feuerzeuge diskutiert: »Der Alkohol ist Teil der Weltmeisterschaft. Darüber verhandeln wir nicht. Das Gesetz muss eine Bestimmung enthalten, wonach wir das Recht haben, Bier zu verkaufen, keinen Caipirinha, sondern nur Bier«, betonte FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke mit der diplomatischen Sensibilität eines »Roundhouse-Kicks« in die dürstende Visage der brasilianischen Trinkkultur. In einem Rahmengesetz wurde dann schließlich dieser Forderung der FIFA entsprochen und das Alkoholverbot in den Stadien während der Weltmeisterschaft temporär aufgehoben.

Beim Burschen vor mir findet einer der Polizisten etwas Marihuana, versteckt in der Zigarettenpackung. Er ohrfeigt ihn mit voller Wucht und lässt ihn wortlos passieren. Ich bin der Nächste. Kein Marihuana. Kein Schlag ins Gesicht. Es ist eine unbürokratische Lösung, eine einfache Logik abseits jeder Gesetzeslage, die noch immer allzu oft der brasilianischen Realität entspricht. Das Vertrauen in die Polizei ist nicht nur durch Aktionen wie diese bescheiden: Bei Verkehrsdelikten ist es zum Beispiel häufig üblich, die offene Organstrafe am nächsten Geldautomaten gleich direkt in die Tasche des Ordnungshüters zu begleichen. Meine Begleitung Mariana fasst zusammen: »Schlecht ausgebildet, extrem unterbezahlt und sehr korrupt. Komm, wir gehen besser weiter.«

Kurz nach dem Einlass bekreuzigen sich viele der Fans. Einmal, zweimal oder fünfmal, gefolgt von einem andächtigen Blick gen Himmel. Es sind individuelle Rituale, um die Götter hier in der Kathedrale von Pacaembu gnädig zu stimmen.

Die Messe wird pünktlich um 17 Uhr angepfiffen und wie häufig bei dieser Kombination von Tages- und Jahreszeit bricht ein tropisches Gewitter über der Stadt los. In São Paulo könne man alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben, heißt es. Und tatsächlich: Innerhalb weniger Stunden hatten wir heute bereits einen lauen Herbst, einen trockenen Hochsommer, einen regnerischen Frühling und einen kalten Winter.

Die vermeintlich härteren Jungs erkennt man an den nackten Oberkörpern, die Buben und Mädchen sind mit einem »Regenschutz« gekleidet, den man im Stadion erwerben kann. Dabei handelt es sich um eine etwas dickere, faltbare Einwegfolie mit einigen Löchern für diverse Körperteile. Ich entscheide mich aus Gründen der Eitelkeit und der Credibility in der Kurve für erstere Variante.

In Brasilien ist die Tätowierungsdichte generell beeindruckend hoch, aber hier nähert sie sich dem dreistelligen Prozentbereich an. Viele Besucher sind durchtrainierte junge Männer mit tätowierten Falken, Adaptionen des Vereinslogos auf den Oberarmen oder flächendeckend auf dem ganzen Rücken. Auch ältere Herrschaften, Frauen und Kinder finden sich auf den Stehplätzen der organisierten Fangruppierungen wieder. Einige von ihnen haben kleine Kofferradios ans Ohr gedrückt, um parallel zum Livebild auch über Abseitsstellungen, Statistiken und Spiele der Konkurrenz informiert zu werden.

Unmittelbar nach Anpfiff jeder Halbzeit wird eine 250 Meter lange und 35 Meter breite Fahne für einige Minuten über die Sektoren geflaggt. Die Atmosphäre unter der Bandeirão ist einzigartig: das gebrochene Licht, der dünne Stoff, der mit jeder Bewegung auf die nasse Haut klatscht, brüllende Teenager, weinende Familienväter, die klebrige Luft, vermischt mit dem Duft von Marihuana, der Takt der Paukenschläge und ein Lärmpegel von Tausenden, die gemeinsam »Aqui tem um Bando de Louco!« anstimmen – »Hier ist eine Gruppe von Verrückten!«. Für einige Minuten bin ich Teil dieser Bewegung, dieser populären und anziehenden Subkultur, dieses atmenden Körpers, Teil einer kollektiven Identität: »Wir sind eine Torcida mit einem Team!«

Sócrates äußerte sich – im übertragenen Sinne – gerne zu dieser Flagge, und was er sagte, unterstreicht deren Bedeutung: »Corinthians ist wie eine Fahne, die eine Legion von Anhängern zusammenschließt. Diese Fans haben das Gesicht, das Aussehen von Brasilien: der Migrant, der Leidende und der Kämpfer. Ich sehe also die Wichtigkeit der Flagge genau darin, sie ist Kern des Zusammenschlusses der sozial Bedürftigsten dieses Landes. Natürlich existiert zusätzlich immer noch eine gemeinsame sportliche Vision, aber wenn sich dieses Publikum organisieren würde, wäre es sehr stark und könnte etwas bewegen. Diese Flagge könnte vielleicht sogar wichtiger sein als unsere Nationalflagge.«

Ich spreche Mariana und den politisch engagierten Mindu auf die soziale Dimension an: »Heute? Wenn du mich fragst, ist sie kaum noch vorhanden. Die ›Treuen Falken‹ waren früher mehr eine politische Bewegung, wir hatten eine Haltung und kommunizierten sie auch. Heute beschränken wir uns nur noch darauf, das Team zu unterstützen. Das ist alles. Corinthians ist die Botschaft.« Etwas resigniert und unglücklich wirkend fügt Mindu hinzu: »So ist es für die meisten mittlerweile. Leider.«

Der Stellenwert von Sócrates innerhalb der Torcida ist dennoch nach wie vor enorm. Viele hätten ihn gerne als Präsidenten von Corinthians gesehen, seine Worte wurden und werden regelmäßig zitiert. Auf die Frage nach den doch häufigen und heftigen Ausschreitungen antwortete er: »Wie bei jeder populären Organisation gibt es mehrere Seiten. Man vereint Werte von absolut verschiedenen Charakteren. Wenn du eine interessante Flagge hast, die es schafft, einen Großteil der Bevölkerung anzuziehen, dann veränderst du den Kontext und die Verhaltensweise und sie wird fester Bestandteil in einem politischen Prozess. Und infolgedessen wird sie mit einer größeren sozialen Verantwortung aufgeladen. Der Unterschied ist, dass du unter dieser großen Flagge eines Teams auch gewaltbereite Gruppierungen hast, die sich darin schützen. Personen ohne Perspektive, was auch beim englischen Fußball vor einigen Jahrzehnten passiert ist. Was hatten diese jungen Menschen für Perspektiven? Kaum welche. Du hast eine Masse an Menschen, die dich beschützt, so etwas wie eine Truppe. Allein ist es schwieriger zu provozieren. Das alles ist eine Frage der sozialen Perspektive. Und der Sport, in diesem Fall Futebol, der beliebteste von allen, erlaubt diese Entgleisung.«

Das Spiel endet 1 × 0 für Corinthians. Tor durch Danilo. Ein vergebener Elfmeter von Jadson und eine Rote Karte für João Felipe. Heute gibt es – vor, während und nach dem Spiel – keine Entgleisungen.

Doch das ist nicht immer so. Rund einen Monat später verabreden sich einige hundert gewaltbereite »Treue Falken« mit Anhängern des Lokalrivalen Palmeiras im Norden der Stadt: Schwere Ausschreitungen fordern zwei Tote und zahlreiche Verletzte. Es ist der vorläufige Tiefpunkt einer langen Liste von Auseinandersetzungen innerhalb einer komplexen Begriffswolke: Gesellschaft, Sozialisierung, Bildung, Politik und Gewalt.

Es ist Mitte Februar, oder anders ausgedrückt: Karneval! Eine Zeit, in der sich ganz Brasilien im taumelnden Ausnahmezustand befindet. In diesen Tagen ist es unmöglich, einen Interviewtermin zu bekommen. Eine schlichte E-Mail-Antwort: sehr schwierig. Ein schneller Cafézinho für ein paar Fragen: »Bitte melde dich nach dem Karneval noch einmal. Muito Obrigado! Vielen Dank! Um Abraço! Eine Umarmung!«

Auch für die »Treuen Falken« ist dieser Abschnitt des Jahres kein gewöhnlicher. Ein Teil ihrer Popularität beruht auf ihrem Engagement abseits von Futebol und Corinthians. Im Jahr 1976 gründeten die »Falken« eine eigene Sambatruppe für den Karnevalsumzug. Daraus wurde eine Sambaschule, und so kam es zu dem Kuriosum, dass eine Fangruppierung den Karnevalswettbewerb in São Paulo bereits mehrfach gewonnen hat.

Aber selbst hier gehen die Clássicos in die nächste Runde: Die Fangruppierung »Mancha Verde« von Palmeiras und die »Dragões da Real« vom FC São Paulo stellen seit einigen Jahren ebenso eine Sambaschule wie die »Treuen Falken« von Corinthians. Diese Art der Derbys gibt es einmal im Jahr und exklusiv nur in São Paulo. Wenn sich dann die Sambaschulen beim Karnevalsumzug tanzend durch die Arena bewegen, verwandelt sich das über 500 Meter lange Sambódromo des Architekten Oscar Niemeyer in die beeindruckendste und schillerndste Längstribüne der Welt. Diesen Effekt nutzt man auch bei den Olympischen Sommerspielen 2016: Das ebenfalls von Oscar Niemeyer entworfene Sambódromo in Rio de Janeiro wird als Zielgerade für den Marathonbewerb fungieren.

Im Jahr 2012 endet der Bewerb für die Sambaschule der »Treuen Falken« jedoch enttäuschend: Ausgerechnet mit der wenig geliebten Schule vom FC São Paulo belegte man punktgleich den siebenten Rang, während die Schule von Palmeiras mit lediglich 0,2 Punkten Vorsprung Vierter wurde.

Das umfassende Regelwerk zur Bewertung des Gebotenen lässt Futebol aussehen wie ein unschuldiges Spiel auf dem Pausenhof: Hier ist von Evolution, Thema, Harmonie, Verkleidung, Rhythmus und Allegorie die Rede. Nachdem alle vierzehn Schulen ihr Programm beendet haben, vergeben 45 Jurorinnen und Juroren die Punkte. Rogério Felix, Mitglied der Karnevalskommission, gibt über das Konzept des Gesamtkunstwerkes Auskunft: »Wenn die Schule singt, erreicht sie das Publikum, und wenn das Publikum mit der Schule singt, ist das ganze Spektakel komplett. Die Show des Karnevals muss auf der Piste beginnen und auf den Tribünen enden.«

Wenn nach einigen Wochen der nationale Kater überstanden ist, sind auch die »Treuen Falken« wieder ansprechbar. Ich besuche sie mit Luís, dem Verteidiger aus meiner Kickrunde, in ihrem Hauptquartier in der Nähe des Busbahnhofs. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine banale Lagerhalle, doch im Innern offenbart sich eine Kombination aus Restaurant, Veranstaltungszentrum, Fanshop und zentralem Kleinfeld. In einer Ecke befinden sich ein paar Computer, die den Mitgliedern für Kurse zur Verfügung stehen. Das ganze Setting gleicht mehr einem Jugendzentrum oder einer sozialen Einrichtung als dem Treffpunkt der populärsten Fangruppierung Brasiliens.

Es ist Samstag. Und wie jeden Samstag steht in ganz Brasilien, also auch hier, das Nationalgericht Nummer eins auf dem Speiseplan: Feijoada, ein Bohneneintopf mit Fleisch, der mit Reis und Farofa als Beilage serviert wird. Farofa ist ein etwas gewohnheitsbedürftiges gelbgoldenes Mehl, das aus der Maniok-Pflanze gewonnen wird. Wer Sägemehl mag, wird Farofa lieben.

Die selbstbewussten Anhänger von Corinthians bezeichnen ihre Mannschaft gerne als »das beste Team der Welt«, vor allem seit dem Gewinn der ersten Klub-Weltmeisterschaft im Jahr 2000. An diesem inoffiziellen Titel kratzte jedoch lange die Tatsache, dass Corinthians im Gegensatz zu allen drei Lokalrivalen – Palmeiras (1999), FC Santos (1962, 1963, 2011) und FC São Paulo (1992, 1993, 2005) – nie die Copa Libertadores, das südamerikanische Gegenstück zur europäischen Champions League, gewinnen konnte, weshalb ihnen diese Bezeichnung, nicht nur in São Paulo, mit entsprechender Leidenschaft abgesprochen wurde. Dieser Makel war eine offene Wunde, in welche die Anhänger der anderen Paulista-Teams – die »Schweine«, die »Fische« und die »Bambis« – nur zu gerne ihre Finger legten.

Die Auseinandersetzung mit dem Gegner findet, im Vergleich zu Europa, oft auf viel subtileren, ideenreicheren und ironischeren Ebenen statt: Als Corinthians in der Saison 2011 gegen das kolumbianische Team Deportes Tolima in der Qualifikation zur Copa Libertadores erneut frühzeitig ausschied, waren in den folgenden Wochen die eigens gefertigten gelb-weinroten Trikots der Überraschungsmannschaft Tolima das beliebteste Merchandising-Produkt in der ganzen Stadt. Auch Luís konnte es nicht fassen: »Es war wirklich peinlich. Eine Niederlage gegen ein Team aus der Provinz Tolima! Wo ist das überhaupt? Ein Team aus Kolumbien! Sai Zica! Erlöse uns von dem verdammten Fluch der Copa Libertadores!«

Und dann! Der 4. Juli 2012, 21.50 Uhr Ortszeit, im Estádio do Pacaembu in São Paulo: Das Rückspiel im Finale der Copa Libertadores gegen Boca Juniors aus Buenos Aires. Nach einem 1 × 1 im Hinspiel wird im eigenen »Wohnzimmer« mit einem 2 × 0 alles klar gemacht. »Das beste Team der Welt«, eine »Gruppe von Verrückten« und Millionen Anhänger in Brasilien feiern die Party ihres Lebens. Endlich!

Zwischen 2008 und 2013 lebte Alois Gstöttner in São Paulo und Rio de Janeiro und veröffentlichte anschließend die Publikation »Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft«. Das Buch wurde im Juli 2014 von der »Deutschen Akademie für Fußballkultur« zum »Fußballbuch des Jahres« nominiert und erreichte schlussendlich den 3. Platz.