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  • Curling: Not in my house. Not tonight.

    253 Curlingspieler sind in den sechs heimischen Vereinen gemeldet. Eher wenig. Was die mittelfristige Zukunft angeht, ist die überschaubare Szene dennoch positiv gestimmt. Potenzielles Mitglied 254 durfte zwischen Kitzbühel und Ottakring mitfegen. Eine Randsportart in den eisigen Startlöchern.Text: Alois Gstöttner – Kitzbühel, Januar 2008

    Eben, 44,5 m lang und 4,75 m breit sollte sie sein, die Bahn – vollständig aus Eis, mit einer Temperatur von 5 Grad unter Null. Klingt exklusiv. Ist es auch. Genau zweimal findet man eine Fläche wie diese in Österreich. Der Kitzbüheler Curlingclub gönnt sich diese doppelte Freude, die fünf anderen österreichischen Vereine curlen auf stundenweise adaptierten Eishockeyflächen. – So ganz glücklich sind sie jedensfall nicht darüber. Neidvoll blicken sie nach Kanada, nach Schottland, nach Skandinavien, aber auch in die nahe Schweiz. Dort sind die Pionierzeiten lange Vergangenheit. In Schottland fegt man bereits seit rund fünf Jahrhunderten über das glatte Eis. In Kanada ist man auch vorn mit dabei. Der amtierende Olympiasieger kommt aus Neufundland, eine Insel am äußersten östlichen Zipfel. Die Jungs um Skip Brad Gushue konnten sich mit einem dramatischen sechsten Ending schlussendlich 10:4 gegen Finnland durchsetzen. Ein selten gesehenes »Triple-Out« entschied das Spiel vorzeitig. »Lucky Punch« würden es die Boxer unter uns nennen, »Jahrhundertschuss« die Fußballer – der Taktikfuchs und Rekordstaatsmeister Alois Kreidl vom Kitzbüheler Curlingclub wahrscheinlich »bärig«.

    Tonangebend
    In Kitzbühel, dem ältesten Verein, curlt man bereits seit einem Jahrhundert. Seit 1955 auch offiziel – der »Kitzbühel Curling Club« wurde gegründet. Ein vielversprechendes Nachwuchsteam mit dem furcht erregenden Namen »Black Dragons« (die schwarzen Drachen) wird beherbergt, ergänzt um einen ausgebildeten Eismeister (die Wissenschaft), das Bundesleistungszent rum (die Institution) und den bei weitem höchsten Mitgliederstand (die Zahl) – so viel zum Startvorteil der Tiroler. Die kommende Europameisterschaft im Mixed-Bewerb findet im Herbst ebenfalls im Kitzbüheler Sportpark statt.

    Anschluss
    Restösterreich kämpft um den Anschluss. Langsam, aber erfolg reich. Bei den diesjährigen Staatsmeisterschaften zwischen 7. und 10. Februar konnten sich fünf Trauner Teams qualifizieren. Der Sieg, sowohl bei den Damen als auch Herren, ging jedoch wiederholt nach Tirol, den Teams um Karina Toth bzw. Alois Kreidl gelang es, ihre Titel erfolgreich zu verteidigen. Das frisch gegründete Ottakringer Curlingteam ließ auch aufhorchen: Ein Sieg in der Vorrunde gegen den späteren Meister – und gesamt der fünfte Platz – ein Highlight in der noch überschaubaren Vereinshistorie, wo allein die Qualifikation schon als Erfolg verbucht wurde.
    Insgesamt gibt es zwei Vereine in Wien. Eher viel. Mit insgesamt 28 Mitgliedern. Eher wenig. Die subventionierten Eiszeiten sind rar in der Bundeshauptstadt, zweimal jährlich wird von der »Magistratsabteilung 51« bestimmt, wann dem Stein und wann dem Puk nachgelaufen werden darf. Kostenlose Schnupperkurse für Einsteiger, Journalisteninterviews und Trainingszeiten werden in der knappen zur Verfügung stehenden Zeit auf dem Eis untergebracht. Die Ausrüstung wird von den Vereinen zur Verfügung gestellt, warm anziehen reicht.
    Die ersten holprigen Schritte also, um Curling österreichweit als Breitensport zu etablieren. Breite im Sinne von unkompliziertem Zugang und Sport im Sinne von Freude an der Bewegung und am Wettkampf.

    Dank Eurosport
    Seit Nagano 1998 ist Curling als Sportart bei den olympischen Winterspielen vertreten. Irgendwie kennt man es ja von Eurosport, so ganz verstanden hat man es, bei aller Mühe des kompetenten Moderatorenteams, dann doch nie so richtig. Den Vergleich mit Eisstockschießen trifft die Sache nur insofern, als beides als eine Präzisionssportart auf Eis gespielt wird. Den Vergleich mit Schach trifft es schon eher: Erfahrung, Konzentration und vor allem Taktik und Teamgeist sind der Schlüssel zum »House«. Klingt altersunabhängig. Ist es auch. Die meisten erfolgreichen Curler sind bedeutend älter als andere Spitzensportler.
    Die olympischen Winterspiele 2014 hätte die Szene natürlich lieber im österreichischen Salzburg als im russischen Sotschi gesehen. Eine weitere Portion Aufmerksamkeit wäre die naheliegende Konsequenz gewesen. Um diese wird man beharrlich weiter kämpfen müssen: Nachwuchsarbeit, Breite, Medienpräsenz und Sponsoren als Eckpfeiler für eine eisige Zukunft – bei 5 Grad unter Null.