Der Fotograf, der Obdachlose und der englische Schüler.

Alexandre, Marco und Charles. Eine Zeitreise in das Jahr 1894 und zurück in die Gegenwart von São Paulo. (Auszug aus: »Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft«)

Bei meiner Recherche im Umfeld von Futebol entdecke ich in der Datenbank einer Bildagentur eine ältere Fotografie, die mich begeistert. Es ist das Bild eines kleinen Kunstwerkes, ein Spielfeld mit einem Baum in unmittelbarer Nähe des Mittelkreises, den der Schiedsrichter als Schattenspender nutzt. Nicht nur die Begrenzungslinien sind etwas ungenau markiert und nur annähernd rechteckig, auch die Bauweise der Tore entspricht nicht ganz den internationalen Richtlinien. Die trapezförmige Fläche ist eine Mischung aus grüner Wiese und staubig ockerfarbener Steppe, die sich wie ein Camouflage-Muster über die Parzelle ausbreitet. Im Hintergrund erkennt man eine U-Bahn-Station, und die Gebäude in der Umgebung lassen auf eine zentrale Lage schließen.

Ein ortskundiger Freund aus São Paulo vermutet, es handele sich um die Haltestelle Brás, nur wenige hundert Meter vom historischen Zentrum entfernt. Schließlich versuche ich den Baum und das Feld aufzuspüren – wenn ich Glück habe, findet tatsächlich ein Spiel statt. Die Geschichte endet ernüchternd: Den Baum gibt es zwar noch immer, doch wo sich das Feld befand, ist jetzt der Spielplatz eines Kindergartens. Das gesamte Areal wird von einer Mauer eingeschlossen und von außen erkennt man nur noch die Krone des Baumes.

Über zahlreiche Umwege komme ich mit Alexandre Battibugli, dem Fotografen des Bildes, in Kontakt und wir tauschen einige E-Mails aus. Alexandre arbeitet für das renommierte Sportmagazin Placar in São Paulo und ist regelmäßig für das Coverbild zuständig.

Alexandre Battibugli
© Alexandre Battibugli

Er schreibt mir die rührende Geschichte von seiner Katze Adrianinho, die nach dem Spieler Adriano Laaber benannt wurde. Der Namensgeber ist Besitzer eines österreichischen Passes und stürmte einige Zeit für Alexandres Team Ponte Preta aus Campinas. 2004 wechselte er die Mannschaft, kehrte aber im September 2012 doch wieder »nach Hause« zurück. Alexandre hat ein beneidenswertes Portfolio als Fotograf: Er war 1994 beim brasilianischen Finaltriumph über Italien in Los Angeles dabei, bei der Niederlage der Seleção gegen Frankreich 1998 und auch 2006, als Zinédine Zidane in Berlin gegen Italien seine fantastische Karriere beendete.

Über sein Foto des Spielfeldes in São Paulo lässt er mich wissen: »Ein Leser unseres Magazins hat mich vor Jahren darauf aufmerksam gemacht. Früher wurden hier im Zentrum ganze Meisterschaften gespielt, aber heute … Der Immobilienwahnsinn war das Ende dieses Feldes, doch am Stadtrand gibt es sie heute noch immer, mehr denn je. Nimm einfach einen beliebigen Bus und fahr bis zur Endstation.«

Ein letztes Feld dieser Art hat im Zentrum von São Paulo aber überlebt, innerhalb der Parkanlage Dom Pedro II. Dieser Park und auch die unmittelbar angrenzende U-Bahn-Station wurden nach dem letzten Kaiser von Brasilien benannt, der zwischen 1831 und 1889 das Land regierte. Im Norden wird die Anlage von einem schmalen Weg begrenzt, der aufgrund von mehreren gewaltsamen Übergriffen auch lakonisch »Faixa de Gaza« (Gazastreifen) genannt wird. Die anderen drei Seiten werden von stark befahrenen Straßen flankiert. In Summe ist der Platz also nicht unbedingt eine Gegend, in der man seiner neuen Freundin gerne aus der Biografie von Johan Cruyff vorlesen möchte, sondern eine jener Restflächen, die von der Stadtverwaltung keine entsprechende Aufmerksamkeit erhalten.

Ich erkunde mich bei einem der Obdachlosen, die sich hier aufhalten, ob auf diesem Feld noch gespielt werde. »Ja klar, komm am Sonntagmittag noch einmal vorbei. Da sind oft einige meiner bolivianischen Freunde hier. Und die Koreaner spielen meistens schon früher.« Der Mann stellt sich mir als Marco vor und ist vermutlich schon annähernd sechzig Jahre alt. Er trägt ein kanariengelbes Trikot der Seleção mit der Nummer 11 und dem Namen Ronaldinho auf dem Rücken und hat abgesehen von ein paar Stücken Pappe nichts bei sich. Auf meine Frage, ob er auch mitspiele, zeigt er auf sein Bein und schüttelt den Kopf. »Nein, aber früher bin ich richtig gut gewesen. Sie haben mich immer Beckenbauer genannt, weil ich so elegant gespielt habe. Aber du bist noch jung: Spiel mit!« Ich frage ihn nicht, aber er erzählt mir trotzdem von seinem Brotjob: »Ich komme ursprünglich aus der Umgebung von La Paz in Bolivien, dort habe ich als Schildermaler gearbeitet, bis ich arbeitslos wurde. Jetzt sammle ich Dosen. Mein Rekord liegt bei 820 am Tag! Du musst wissen, an den besten Plätzen bist du nie alleine. Für das Kilo bekomme ich zwei Reais bei Eduardo, das sind an guten Tagen dann oft zwölf Reais.« (Zum Vergleich: Ein Kilogramm Reis kostet in einem Supermarkt in São Paulo rund 2,50 Reais. Am Tag des Gespräches entspricht das 1,00 Euro.) Ich bedanke mich für seine Hilfe und er wünscht mir noch einen schönen Tag: »Mein Freund, pass auf dich auf. Bis Sonntag! Valeu!«

An diesem Tag war mir die historische Bedeutung dieses Ortes noch nicht bewusst: Der Überlieferung nach fand hier nämlich am 14. April des Jahres 1895 das erste »offizielle«, öffentliche und dokumentierte Jogo do Futebol auf brasilianischem Boden statt. Die genauen Geschehnisse dieser Tage sind leider nur schlecht erfasst, aber es steht fest, es war hier in diesem Areal, im Umfeld der heutigen Parkanlage Dom Pedro II.

Etwas mehr als ein Jahr vor dieser denkwürdigen Auseinandersetzung, am 18. Februar 1894, kehrte der von seinen Eltern im Kindesalter zur Schulbildung nach Southampton in England entsandte Charles William Miller mit einem Regelbuch, zwei Trikots, einer Luftpumpe und zwei Bällen unter den Armen nach Südamerika zurück. Als er nach seiner Ankunft am Hafen von Santos überrascht feststellte, dass »Football« in seiner Heimat völlig unbekannt war, erkannte der erst 19-jährige Charles Miller seine Mission in der Verbreitung des für ihn so königlichen Spiels.

In dieser ersten Begegnung zum Ende des 19. Jahrhunderts trafen die Mitarbeiter zweier englischer Unternehmen aufeinander. Als Teil des Teams, das sich aus Arbeitern der São Paulo Railway Company zusammensetzte, erzielte Charles Miller persönlich zwei Tore gegen die Werkself eines Gasunternehmens. Das Spiel endete 4×2 für die Mannschaft der São Paulo Railway Company.

Der englische Autor Josh Lacey beschreibt diesen Moment in seinem kenntnisreichen Buch God is Brazilian – Charles Miller, the Man who brought Football to Brazil folgendermaßen: »Als die Briten vom Spielfeld spazierten, schlugen sie sich gegenseitig auf die Schulter. ›Was für ein schönes Spiel‹, murmeln sie und rufen quer über das Feld zu Charlie, der auf dem Boden kniet und die Luft aus dem Ball lässt: ›Miller! Nettes kleines Spiel, alter Mann! Wann wollen wir wieder spielen?‹«

Es wurde wieder gespielt. Und wie! Diese Partie war der Anpfiff für eine einzigartige Erfolgsgeschichte: Innerhalb kurzer Zeit wurde in ganz São Paulo gespielt, innerhalb weniger Jahre in ganz Brasilien. Die Geschichten im restlichen Land schreiben sich zeitnah und ähnlich: In Rio de Janeiro war der Pionier Oscar Cox, der in der Schweiz studierte, und im Süden von Brasilien startete der Hamburger Johannes Minnemann die Epidemie um die »gelbliche Blase«.

Im Jahr 1900 – Futebol steckte in Brasilien mit zarten sechs Jahren noch in den Kinderschuhen – war São Paulo ein städtisches Gebiet mit lediglich rund 200.000 Einwohnern. Die folgenden Jahre waren die aufregendste Phase der Stadtgeschichte: Aus einer relativ unbedeutenden Kleinstadt im Hinterland, siebzig Kilometer vom Atlantischen Ozean und 400 Kilometer von der damaligen Hauptstadt Rio de Janeiro entfernt, wurde das wichtigste Finanz-, Dienstleistungs- und Handelszentrum von Lateinamerika. Angefeuert durch den Zucker- und Kaffeeboom, die stark forcierte Einwanderungspolitik und die strategisch günstige Lage erreichte die Bevölkerung von São Paulo 1934 die Millionengrenze und verdoppelte sich in den kommenden zwei Jahrzehnten.

Die Geschichte von Brasilien ist immer auch eine Geschichte der Immigration: Alleine in den vier Jahrzehnten zwischen 1894 und 1933 wechselten 980.000 Portugiesen, 890.000 Italiener, 470.000 Spanier und rund 130.000 Deutsche den Kontinent. Die Beweggründe waren unterschiedlich: In Europa erreichte die Wirtschaftskrise ihren Höhepunkt, die Industrialisierung forderte ihre Opfer und die politische Lage zwang Millionen Menschen, ihre Heimatländer zu verlassen.

In Brasilien war das »brutale englische Spiel« zur damaligen Zeit ein Sport der Eliten, der in seinen ersten Jahrzehnten primär von englischen beziehungsweise europäischen Einwanderern ausgeübt wurde. Das Importgut Futebol war eine Frage des Lebensstils, und eine anglophile Haltung war eine Frage der sozialen Klasse.

Ein Meilenstein in der Demokratisierung von Futebol war die Gründung des Teams Bangu Atlético Clube in Rio de Janeiro. Der im Jahr 1904 ins Leben gerufene Vorstadtklub engagierte sich von Anfang an aktiv gegen die Ausgrenzung dunkelhäutiger und armer Spieler und verteidigte diese Linie auch erfolgreich gegen Widerstände der High Society.

Aus der englischen Bezeichnung »Football« wird in den kommenden Jahrzehnten das portugiesische »Futebol«, 1958 in Schweden gewinnt Brasilien zum ersten Mal die Weltmeisterschaft und im Juni 2002, etwas mehr als ein Jahrhundert nach diesem ersten, unschuldigen Spiel in São Paulo, wird die Seleção zum fünften Mal Weltmeister.

Im Viertelfinale des Turniers in Japan und Südkorea torpedierte Ronaldinho das englische Tormann-Urgestein David Seaman mit einem sehenswerten Freistoß aus fast vierzig Metern und sicherte so einen 2×1-Sieg der Seleção. Dieses Tor führte nicht nur zum zehnten Sieg – bei acht Unentschieden und drei Niederlagen – gegen das »Motherland of Football«, sondern war auch eine visualisierte Demonstration der Zuschreibungen beider Länder: Auf der einen Seite ein benommener und fassungsloser David Seaman, 38 Jahre alt, auf der anderen Seite ein ewiges kleines Kind, mit neunzigminütigem Lächeln im Gesicht. Es war ein Sieg des brasilianischen Spielwitzes über die englische Korrektheit und ein Triumph der südamerikanischen Improvisation über die europäische Rationalität.

Neun Tage später wird Brasilien in Yokohama mit einem 2×0 gegen Deutschland Weltmeister. Die gefeierten Spieler des Turniers: Cafu, Rivaldo, Ronaldo, Roberto Carlos und der neue Star der Seleção mit der Rückennummer 11: Ronaldinho.

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© Alois Gstöttner, 2013 (São Paulo)

Am Sonntag bin ich um 10 Uhr zurück in der Parkanlage in São Paulo. Marco, meine höfliche obdachlose Bekanntschaft, ist leider nicht anwesend, doch es spielen tatsächlich bereits zwei Mannschaften. Zwei ältere Männer brüllen von der Seitenlinie ihre Anweisungen aufs Feld und im Hintergrund des Geschehens ragt die Skyline des Zentrums empor; das 160 Meter hohe Edifício do Banespa bildet die imposante Speerspitze dieser Stahl- und Betonlandschaft.

Für mich hat das Ganze eine absurde Note, die mir sehr sympathisch ist: Am Geburtsort einer nationalen Leidenschaft, an einem der historischsten und zugleich vergessensten Plätze von Futebol do Brasil, machen sich jetzt ausgerechnet jene Menschen einige schöne Stunden, die sich sonst für gewöhnlich im Abseits der Gesellschaft wiederfinden.