Club Bellevue
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Written by: Date: Juni 6, 2009 ⋅ Category: Magazin: Null Acht / Quadrilogie: »The Beautiful Game«

Die Flanke. Eine Versuchung.

Fertigkeit jedes Flügelspielers, Schreckgespenst der Abwehr, begehrlich geforderter Spielzug des Kopfballungeheuers, Albtraum vieler Torhüter: die Flanke. – Text: Christoph Schmiedhofer

Nur wenige Spielzüge im Fußball ehren aufgrund ihrer besonderen Erscheinungsform und Wichtigkeit für das Spielgeschehen denjenigen, der sie in besonderer Weise einzusetzen vermag. Gewiss gibt es eine Reihe von Wendungen, die die außergewöhnliche Beherrschung eines Spielelements plastisch darzustellen vermögen: der »Abwehrrecke« weiß schon ob seines Klanges abzuschrecken, der lenkende »Regisseur« im Mittelfeld fasziniert durch seinen Führungsanspruch, der »Bomber« versenkt eine Kugel nach der anderen im gegnerischen Kasten, während die »Katze« im eigenen Tor ebendies behände und geschickt verhindern kann. Doch keiner dieser Begriffe adelt den Benannten mit einem solchen gewichtigen Wohlklang wie der »Flankengott«.
Der Flankengott steht über allem, weil er den faszinierendsten und gefinkeltsten aller Spielzüge perfekt beherrscht. Ein Ball, der vom Rand des Spielgeschehens in den Strafraum segelt, ist ein Versprechen in sich, er baut Erwartungshaltung auf und erzeugt so unvergleichliche Momente der Spannung: Erreicht er seinen Bestimmungsort? Passt das Timing? Steigt der Stürmer höher als die Verteidiger? Diese wenigen Augenblicke, in denen der Ball dem Zugriff der Spieler entzogen ist und alle Fragen offen sind, vermögen die Ereignisse am Rasen zu verlangsamen. Man möchte meinen, dass auch den Fans auf den Rängen der Atem stockt, weil sie die Ästhetik der Flugparabel verzaubert und sie ungeduldig auf das warten, was die Flanke im 16-Meter-Raum anzustellen in der Lage ist.

Der Wolf im Schafspelz
Denn die außerordentliche Eleganz des Balles in der Luft kann nicht über die Gefährlichkeit der Flanke hinwegtäuschen. Insofern ist sie ein Wolf im Schafspelz. Um die Bedeutung der Flanke bei der Raumeroberung zu illustrieren, kann man natürlich abgedroschene militärische Metaphern bemühen und große Feldherren wie Friedrich den Großen und Napoléon Bonaparte zitieren. Doch der Fußballfan weiß auch ohne solche Vergleiche: Gnadenlos reißt die Flanke Lücken in die dichtesten Abwehrketten, schwer einzuschätzen ist die Flugkurve des Balles, bedrohlich kann sie sich vom Torwart wegdrehen und ihm so die Chance nehmen, sie vom Himmel zu pflücken. In Zeiten blitzschnell verschiebender Mittelfeldketten, die beim Ballbesitz des Gegners rasch eine zweite, vorgeschobene Abwehrreihe bilden und das Spiel des Kontrahenten schon im Mittelfeld entscheidend zu stören in der Lage sind, ist die Flanke oft das einzige Mittel, um das gegnerische Tor in Bedrängnis zu bringen. Nicht umsonst hat im modernen Spiel die Bedeutung der Außenverteidiger ein immer größeres Gewicht erlangt. Schon das Auftauchen eines solchen flinken Außenläufers in der Nähe des Strafraums lässt Großes erhoffen. Das viel zitierte hohe Tempo des modernen Fußballs wird auf den Außenbahnen erzeugt, nicht in der Mitte. Das bewirkt, dass viele Flanken aus vollem Lauf ausgeführt werden und der Abwehr auf diese Weise wenig Zeit lassen, sich auf sie vorzubereiten. Als erfreulicher Nebeneffekt entfällt das endlose Gerangel, das unschuldige In-die-Höhe-Recken der Hände in Richtung des Schiedsrichters und das ausgiebige Zerren am Trikot des Gegners, das den Eckball und manch ruhenden Ball schon seit Langem jeglicher Würde beraubt.

Das Prinzip der Krümmung
Als Speerspitze der Gefährlichkeit und als Idealtypus einer Flanke darf dabei ihre Krümmung angesehen werden. Der etwas platte Ausdruck »Bananenflanke« für die stark gebogene Flugbahn ist in seiner Schlichtheit gar nicht geeignet, die Komplexität eines solchen Spielzugs in ausreichender Weise zu würdigen. Dem 1802 geborenen deutschen Physiker Heinrich Gustav Magnus und dem nach ihm benannten Magnus-Effekt ist es zu verdanken, dass wir heute verstehen, was sich hinter einer solchen Flanke wirklich verbirgt. Durch die Drehung des Balles um die eigene Achse entsteht ein Druckungleichgewicht, das den Ball zu jener Seite hin ablenkt, auf der sich die Balloberfläche mit der Luftströmung bewegt. Auf dieser Seite umströmt die Luftschicht den Ball schneller und erzeugt einen Unterdruck, während die Drehung gegen die Luftströmung auf der anderen Seite einen Überdruck bewirkt. Dieser Druckunterschied lenkt den Ball zur Seite. Dazu kommt, dass durch die Ballrotation Luftverwirbelungen entstehen, und zwar früher auf jener Seite des Balles, die sich gegen die Luftströmung dreht. Der – leider unsichtbare – Turbulenzschweif, den der Ball hinter sich herzieht, ist so zu einer Seite hin geneigt und zieht das Spielgerät zusätzlich aus der Bahn. Einen solchen Turbulenzschweif in seiner ganzen Pracht durch erzeugen künstlichen Nebels auf dem Spielfeld sichtbar zu machen, wäre eine ernsthafte Überlegung wert.

Anspruch und Wirklichkeit
Ob sich der Flankengott dieser physikalischen Gesetzmäßigkeiten bewusst ist, wenn er den Ball so exakt zwischen Fußrücken und Fußinnenseite trifft, dass er das Leder auf seine windschiefe Dienstreise schickt, darf bezweifelt werden, schmälert aber nicht dessen Leistung und die gefahrbergende Erhabenheit der Flanke.
Verständlich, dass solche Fußballkunst in uns den Wunsch erweckt, den Ball mit ebensolcher Anmut in des Gegners Strafraum zu befördern. Wohl aus diesem Grund besteht das Aufwärm- und Einspielprogramm vieler Gelegenheitsmannschaften hauptsächlich aus einem am Flügel stehenden Spieler, der einen ruhenden Ball nach dem anderen mehr oder weniger platziert nach innen flankt, wo er von den ballhungrigen Übrigen aus nächster Nähe auf den bedauernswerten Tormann gedroschen wird. Vielfach lässt sich dabei beobachten, wie Anspruch und Wirklichkeit in liebenswerter Weise auseinanderklaffen. Nämlich dann, wenn der Ball, statt in Form einer messerscharfen Parabel die Luft zu zerschneiden und am Kopf des wartenden Stürmers zu landen, als schlappe Hereingabe mit Müh und Not die kurze Ecke in Kniehöhe erreicht. Wie gern wären wir doch alle Flankengötter!

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