Einleitung

Nach einem kurzen »Oi. Tudo bem?« stellt mir Seu Miguel, mein wortgewaltiger und zugleich ortskundiger Taxifahrer in São Paulo, die zentrale Frage: »Qual é o seu time?«, die Frage nach meinem Team. »Taxifahrer« trifft es nicht ganz genau: Seu Miguel ist Besitzer eines eigenen Autos und berechnet für seine Dienste ein reduziertes Entgelt. Von einer Konzession oder ähnlichem bürokratischen Papierkram war niemals die Rede. »Corinthians São Paulo«, lautet meine mutige Antwort. Seine Reaktion gleicht dem respektvollen Nicken eines französischen Weinkenners, der es zu würdigen weiß, wenn jemand den Unterschied zwischen einem Riesling und einem Chardonnay wahrnimmt. Eine anerkennende Geste, gerichtet an einen europäischen Burschen, der offenbar ein heimlicher Liebhaber von Futebol ist.

 

Für mich ist diese Begegnung die Eintrittskarte in das Land Brasilien, ein Zeichen der sozialen Integration, unabhängig von geografischer Herkunft, ethnischem Hintergrund oder sozialer Klasse.

Der Schweizer Schriftsteller und Architekt Max Frisch schreibt in seinem Roman Mein Name sei Gantenbein: »Jedermann erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.« Ich empfinde es während meiner Zeit in Brasilien sehr ähnlich. Nur erfinde ich diese Geschichte nicht, ich setze sie aus meinen Erlebnissen zusammen. Ich finde so meine Version, meine Realität von Futebol. Es sind Geschichten voller Hoffnung und Verzweiflung, Geschichten über Dramen, Spektakel und Tragödien, über Liebe und Hass, Pathos und Leidenschaft.

Die Protagonisten auf dieser Entdeckungsreise sind der intelligente Sócrates, der charismatische Schiedsrichter Dourado, der höfliche Obdachlose Marco, die zynische Aktivistin Regina und viele andere mehr.

Eine chronologische Montage der glorreichen Momente in der Geschichte von Futebol do Brasil ist für dieses Buch nicht relevant. Wer auf der Suche nach den 1284 Toren des dreifachen Weltmeisters Pelé ist, wird sie hier nicht finden. Weder der »Trilogie der Künste« – den Titeln von 1958 in Schweden, 1962 in Chile und 1970 in der drückenden Mittagshitze von Mexiko – wird ein Denkmal gebaut noch dem unendlich oft rezipierten und medial verklärten Maracanaço, der Tragödie des verlorenen Endspiels gegen das kleine Nachbarland Uruguay im Jahr 1950.

Meine Vermessung der Liegenschaft Futebol reicht von der japanischen Hafenstadt Kobe bis in die Favelas von Rio de Janeiro, von den 506 Schönheitsköniginnen im Herzen des Amazonas-Regenwaldes bis in das nordöstliche Recife, von der Universität Southampton bis ins pulsierende Zentrum von São Paulo.

Gooool do Brasil ist ein Baukasten voller Charaktere, Begegnungen, Orte, Geschichten und Bilder, die eine Landkarte der kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Aspekte entstehen lassen. Eine kleine Kartografie von Futebol, ein alternativer Atlas dieses grandiosen Spiels. Die Welten, in denen ich mich bewegte, sind nur einige von vielen. Und Schauplatz dieser Welten ist Brasilien.

Zwischen 2008 und 2013 lebte Alois Gstöttner in São Paulo und Rio de Janeiro und veröffentlichte anschließend die Publikation »Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft«. Das Buch wurde im Juli 2014 von der »Deutschen Akademie für Fußballkultur« zum »Fußballbuch des Jahres« nominiert und erreichte schlussendlich den 3. Platz.