Club Bellevue
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Written by: Date: Dezember 16, 2008 ⋅ Category: Kolumne / Magazin: Null Acht

Einwürfe von der Trainerbank: »El Fluppe« und ich – Teil 2

Ja, natürlich! Nein, das wird kein Plädoyer für eine bewusste und ausgeglichene Ernährung. Fast im Gegenteil. Ja, natürlich, ich habe ein schlechtes Gewissen, in der Anwesenheit meiner Nachwuchs-Elf zu rauchen.
Ich übe mich also in Zurückhaltung. Im Mannschaftsbus: Nein. In der Kabine: Nein. Am Spielfeldrand: Jein. Am Weg vom Mannschaftsbus in die Kabine: Ja. Am Weg von der Kabine zum Spielfeldrand: Meistens. In der Halbzeitpause: Selten. Macht maximal – ich schwöre bei Diego – acht Zigaretten pro Spieltag. Richtig: »Wenig«. Richtig wenig.
»Mittelfeld-Marco«, Sohn eines Künstlerehepaares (langweilig und verheiratet!), »Ferdinand die Flanke«, Sohn einer Russisch-Übersetzerin (hübsch und alleinerziehend!), und unser Tormann »die Katze von der Kaiserstraße«, Sohn einer Nachwuchstrainerin (liberal und nichtrauchend!), streifen und strafen mich mit erzieherischen Blicken von der Mittelauflage. Erzählen sie es ihren Eltern? Erzählen es die Eltern der Vorstandsetage? Brechen sie den unausgesprochenen Schwur der Solidarität und der gegenseitigen Wertschätzung?
Mittelauflage deshalb, weil es Anstoß für uns gibt. Soll heißen: Ein Tor gegen uns! Soll heißen: Rückstand! Soll heißen: Ich sollte streifen und strafen. Stattdessen reiche ich ihnen – in dieser Stunde des Rückstandes – symbolisch meine Hand und plane aus pädagogischer Konsequenz und didaktischer Haltung ein taktisches Manöver: »Mittelfeld-Marco« in den Sturm und »Ferdinand die Flanke« wird mehr Offensivkompetenz zugesprochen. In diesem speziellen Fall zugerufen. Die zwei sechsjährigen Augenpaare starren mich fragend an. Ich nicke bedeutungsvoll zustimmend von der Seitenlinie. Die vier Beine setzen an zur geballten Offensivkraft. Ausgleich! Ausgleich durch die Kraft der Solidarität. Ausgleich durch die Macht der Revolte. Ausgleich in der Nachspielzeit. Ausgleich durch »Ferdinand die Flanke«, Sohn einer Russisch-Übersetzerin (eigentlich unglaublich hübsch und alleinerziehend!).
Es ist Samstag. Es ist ein lauer Herbstnachmittag. Es ist die vierte Runde in der Meisterschaft. Ein 1:1-Unentschieden. Eine Zigarette danach. Ein streifender Blick von Ferdinand. Ein strafender von Marco. Ein bedeutungsvoll zustimmender von mir.
Weil ich kenne die Fakten: Die zwei unumstritten größten Trainer in der jüngeren und bescheiden erfolgreichen Geschichte der österreichischen Nationalelf taten es: Ernst »Wödmasta« Happel rauchte (offensiv), Herbert »Schneckerl« Prohaska rauchte und raucht (defensiv). Und auch der ehemalige mexikanische Coach Ricardo La Volpe, mit dem treffenden Beinamen »El Fluppe«, griff nicht selten zur Zigarette.
Bleiben wir bei den Fakten: Sogar die deutsche, leicht boulevardeske »Bild«-Zeitung zitierte 2006 – anlässlich der Weltmeisterschaft – seine Ehefrau Diana Monica, mit der er mittlerweile 34 Jahre verheiratet ist: »Nur wenige wissen, wie Ricardo wirklich ist. Er ist ein sehr liebenswürdiger Mensch.«
Soll heißen, auch rauchende Trainer sind mitunter sehr liebenswürdige Menschen.

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