Club Bellevue
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Written by: Date: Oktober 6, 2008 ⋅ Category: Kolumne / Magazin: Null Acht

Einwürfe von der Trainerbank: Die Offenbarung – Teil 1

Siebzehn sechsjährige Augenpaare starren mich fragend an. Okay. Locker bleiben, Ansätze von Autorität ausstrahlen, dabei nicht allzu uncool werden. Ich antworte den 34 Beinen: »Laufen, mit abschließendem Doppelpass und Torschuss.«

Fragen, die sich schon vorher stellten: Sprechen sie mich mit »Herr Trainer« oder noch schlimmer mit »Herr Alois« an? Es wurde dann ein trocken-puristisches »Trainer«, meist eingeleitet mit einem »He«. Also: »He Trainer, was bedeutet Doppelpass?« »Ein Doppelpass ist ein herrliches taktisches Manöver zur Überlistung der gegnerischen Abwehrreihen«, war nicht meine Antwort. Stattdessen schritt ich – die Frage bedeutungsvoll nickend wiederholend – zur neu angeschafften Magnetwand und fühlte mich wie der junge José Mourinho. Die siebzehn sechsjährigen Augenpaare lasen, die Offenbarung erwartend, von meinen Lippen. Ein Geheimbund der taktischen Finten und Feinheiten schrieb seine Geburtsstunde.

Unser Tormann und Kapitän – die Katze von der Kaiserstraße – erkannte sofort, dass dieses seine Sorgen nicht zwingend sein müssen, und mokierte sich über die fehlerhafte Stellungsdisziplin »seiner« Mauer beim letzten Spiel. Achtung: gruppendynamische Prozesse! Schuldzuweisungen! Angewandtes Krisenmanagement: Ende der Taktikeinheit.

Samstags darauf, dritte Runde der Liga. Halbzeitpause. Aktueller Zwischenstand: 6:1 gegen uns. Klingt nach Tennis, ist es aber nicht. Wir bilden solidarisch eine kreisähnliche Form. Ich, als einer von ihnen, als Glied in der Kette. Wunderbare Momente der Solidarität und der gegenseitigen Wertschätzung.

Aber seien wir ehrlich: Die Gegner waren besser. Diese spielaufbauende Diagonale zwischen ihrem Mann (eigentlich ein kleines Kind) im rechten Mittelfeld und ihrem Mann im zentralen Sturm (ein anderes kleines Kind) machte uns zu schaffen. Mehr noch. Sie zertrümmerte unsere kompakte Abwehrreihe. Schlimmer: Sie – die Mannschaft – war emotional gebrochen. Was tun zur Schadensbegrenzung? »Mittelfeld Marco«, die Seele der Mannschaft, mein linker Fuß am Spielfeld, klopft mir auf die Schulter und meint bedeutungsvoll nickend wiederholend: »He Trainer, ist ja nur ein Spiel.«
Ich antworte nicht: »Nein, das ist kein Spiel! Ich bin hier der Schulterklopfer! Schnauze halten!« Stattdessen nur ein nickendes, wiederholendes »Ja, ist schon gut«.

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