Im aktiven Abseits: Futebol an den Grenzen

Ein Trainer, ein Schiedsrichter, ein Fotograf, ein Obdachloser und ein englischer Schüler. Betão, Dourado, Alexandre, Marco und Charles. Eine Zeitreise in das Jahr 1894 und zurück in die Gegenwart von São Paulo.

»Spielt nicht wie brave Jungs. Brave Jungs gewinnen keine Spiele. Wir sind verdammte Pitbulls! Wenn es nötig sein sollte, ein Bein zu brechen, werden wir es brechen. Alles klar? Verstanden?«

Coach Betão sitzt bereits seit fast zwanzig Jahren auf der Trainerbank des Amateurteams Boa Esperança und kümmert sich sofort fürsorglich und innig um mich. Er behandelt mich, als sei ich die verzweifelt gesuchte und nun endlich gefundene Neuverpflichtung für die vakante Position des Mittelstürmers. Er hat einen liebenswürdigen Charakter – Trainertypus Vaterfigur – und nimmt mich voller Stolz mit in die himmelblau gestrichene Umkleide. Betão stellt mich unvermittelt der halben Mannschaft persönlich vor, schließt mich bei seiner frenetischen Kabinenpredigt in den Kreis des Vertrauens ein und macht mich in diesen wenigen Sekunden zum wohl ersten europäischen Fan von Associação Atlética Boa Esperança aus dem Viertel São Mateus, Zona Leste, São Paulo, Brasil.

Diese kurzen Momente im Inneren von Futebol, im verschwitzten Backstagebereich einer nationalen Leidenschaft, im staubigen Hinterhof der medialen Wahrnehmung, waren für mich die intensivsten und lebendigsten Erfahrungen. In meiner Rolle als Trojanisches Pferd verliebte ich mich in dieses Land mit seinen tausend Welten und wurde zu einem Piraten auf der ewigen Suche nach der Seele von Futebol. In meiner Zeit in Brasilien war ich nie glücklicher als hier und jetzt, in diesem kurzen Augenblick, in der Umkleidekabine von Boa Esperança.

Der 1980 verstorbene Dramatiker und Sportjournalist Nelson Rodrigues bringt es in einer seiner Crônicas de Futebol – eine Serie von kurzen Prosatexten – auf den Punkt: »Beim Fußball ist der größte Blinde der, der nur den Ball sieht. (…) Der Ball ist ein winziges, bedeutungsloses, lächerliches Detail. Was wir beim Fußball suchen, ist das Drama, die Tragödie, das Schaudern und das Mitleiden.« Dieser Textauszug über den streitsüchtigen und als gewalttätig geltenden Stürmerstar Almir erschien im November 1963 in der Tageszeitung O Globo und ein halbes Jahrhundert später gilt immer noch: In Brasilien ist Futebol so unendlich viel mehr als ein von englischen Akademikern niedergeschriebenes Spiel mit 22 Protagonisten und einem von drei Pfosten gerahmten Ziel.

Die eigentliche Geschichte der Mannschaft von Boa Esperança und hundert anderer Teams aus São Paulo beginnt an den blühenden Ufern des Flusses Tietê. »Várzea« kann als »Flussaue« übersetzt werden und ist die Bezeichnung für jene Ufer, die durch ihre Nähe zum Wasser periodisch überflutet wurden und so für permanente Bebauungen nicht geeignet waren. Im täglichen Sprachgebrauch ist der Begriff »Várzea« mittlerweile jedoch viel weiter gefasst und wird auch regional unterschiedlich verwendet. Als kleinsten gemeinsamen Nenner würde man sich landesweit eventuell auf diese vage Definition einigen: Die Várzeas sind fast immer informelle Fußballfelder, mit einem oder zwei mehr oder weniger regelkonformen Toren.

Im Jahr 1900 – Futebol steckte in Brasilien mit zarten sechs Jahren noch in den Kinderschuhen – war São Paulo ein städtisches Gebiet mit lediglich rund 200.000 Einwohnern. Die folgenden Jahre waren die aufregendste Phase der Stadtgeschichte: Aus einer relativ unbedeutenden Kleinstadt im Hinterland, siebzig Kilometer vom Atlantischen Ozean und 400 Kilometer von der damaligen Hauptstadt Rio de Janeiro entfernt, wurde das wichtigste Finanz-, Dienstleistungs- und Handelszentrum von Lateinamerika. Angefeuert durch den Zucker- und Kaffeeboom, die stark forcierte Einwanderungspolitik und die strategisch günstige Lage erreichte die Bevölkerung von São Paulo 1934 die Millionengrenze und verdoppelte sich in den kommenden zwei Jahrzehnten.

Die Geschichte von Brasilien ist immer auch eine Geschichte der Immigration: Alleine in den vier Jahrzehnten zwischen 1894 und 1933 wechselten 980.000 Portugiesen, 890.000 Italiener, 470.000 Spanier und rund 130.000 Deutsche den Kontinent. Die Beweggründe waren unterschiedlich: In Europa erreichte die Wirtschaftskrise ihren Höhepunkt, die Industrialisierung forderte ihre Opfer und die politische Lage zwang Millionen Menschen, ihre Heimatländer zu verlassen.

Über das Wachstum der neuen Metropole São Paulo notierte der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss in seinem Reisebericht Traurige Tropen: »Die Stadt entwickelt sich mit solcher Geschwindigkeit, dass es unmöglich ist, sich einen Stadtplan zu besorgen: Jede Woche müsste eine neue Ausgabe erscheinen.«

Im Zeichen des runden Leders waren diese ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts die Zeit, als Futebol de Várzea seine holprigen Anfänge feierte. Heute ist Futebol über einhundert Jahre alt und längst eine nationale Institution, São Paulo ist mit mehr als elf Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Stadt Südamerikas. Die Schriftstellerin Daniela Chiaretti zitiert im Buch Megacitys: Die Zukunft der Städte einen kritischen Freund von ihr: »São Paulo wirkt, als sei es von einem sadistischen Städteplaner geplant worden, der Lust dabei empfand, elf Millionen Menschen das Leben zur Hölle zu machen.« Die Hölle »Sampa«, wie São Paulo auch liebevoll von den Paulistanos, ihren stolzen Bewohnerinnen und Bewohnern, genannt wird, hat im Zentrum eine Bebauungsdichte vergleichbar mit jener von Manhattan und der Ballungsraum fasst, je nach Berechnungsmodell und Datenquelle, sogar zwanzig Millionen, was der sechsten Stelle im weltweiten Ranking entspricht.

Durch die explodierenden Einwohnerzahlen und die Dynamik der stadtplanerischen Entwicklung von São Paulo wurden und werden die Várzeas zunehmend an den Stadtrand gedrängt und feiern dort ihre Renaissance.

Und was wurde aus dem romantischen Bild der Spiele an den blühenden Flussufern des Rio Tietê? Bei Letzterem handelt es sich mittlerweile um eine begradigte, zugemüllte und kastanienbraun gefärbte Umweltsünde, die auf beiden Seiten von einer mehrspurigen Stadtautobahn gesäumt wird und seit Jahren mehrere Umweltschutzorganisationen nachhaltig beschäftigt.

Bei meiner Recherche im Umfeld der Várzeas entdecke ich in der Datenbank einer Bildagentur eine ältere Fotografie, die mich begeistert. Es ist das Bild eines kleinen Kunstwerkes, ein Spielfeld mit einem Baum in unmittelbarer Nähe des Mittelkreises, den der Schiedsrichter als Schattenspender nutzt. Nicht nur die Begrenzungslinien sind etwas ungenau markiert und nur annähernd rechteckig, auch die Bauweise der Tore entspricht nicht ganz den internationalen Richtlinien. Die trapezförmige Fläche ist eine Mischung aus grüner Wiese und staubig ockerfarbener Steppe, die sich wie ein Camouflage-Muster über die Parzelle ausbreitet. Im Hintergrund erkennt man eine U-Bahn-Station, und die Gebäude in der Umgebung lassen auf eine zentrale Lage schließen.

Ein ortskundiger Freund aus São Paulo vermutet, es handele sich um die Haltestelle Brás, nur wenige hundert Meter vom historischen Zentrum entfernt. Schließlich versuche ich den Baum und das Feld aufzuspüren – wenn ich Glück habe, findet tatsächlich ein Spiel statt. Die Geschichte endet ernüchternd: Den Baum gibt es zwar noch immer, doch wo sich das Feld befand, ist jetzt der Spielplatz eines Kindergartens. Das gesamte Areal wird von einer Mauer eingeschlossen und von außen erkennt man nur noch die Krone des Baumes.

Über zahlreiche Umwege komme ich mit Alexandre Battibugli, dem Fotografen des Bildes, in Kontakt und wir tauschen einige E-Mails aus. Alexandre arbeitet für das renommierte Sportmagazin Placar in São Paulo und ist regelmäßig für das Coverbild zuständig. Er schreibt mir die rührende Geschichte von seiner Katze Adrianinho, die nach dem Spieler Adriano Manfred Laaber benannt wurde. Der Namensgeber ist Besitzer eines österreichischen Passes und stürmte einige Zeit für Alexandres Team Ponte Preta. 2004 wechselte er die Mannschaft, kehrte aber im September 2012 doch wieder »nach Hause« zurück.

Alexandre hat ein beneidenswertes Portfolio als Fotograf: Er war 1994 beim brasilianischen Finaltriumph über Italien in Los Angeles dabei, bei der Niederlage der Seleção gegen Frankreich 1998 und auch 2006, als Zinédine Zidane in Berlin gegen Italien seine fantastische Karriere beendete. Über sein Foto des Spielfeldes in São Paulo lässt er mich wissen: »Ein Leser unseres Magazins hat mich vor Jahren darauf aufmerksam gemacht. Früher wurden hier im Zentrum ganze Meisterschaften gespielt, aber heute … Der Immobilienwahnsinn war das Ende dieses Feldes, doch am Stadtrand gibt es sie heute noch immer, mehr denn je. Nimm einfach einen beliebigen Bus und fahr bis zur Endstation.«

Ein letztes Feld dieser Art hat im Zentrum von São Paulo aber überlebt, innerhalb der Parkanlage Dom Pedro II. Dieser Park und auch die unmittelbar angrenzende U-Bahn-Station wurden nach dem letzten Kaiser von Brasilien benannt, der zwischen 1831 und 1889 das Land regierte. Im Norden wird die Anlage von einem schmalen Weg begrenzt, der aufgrund von mehreren gewaltsamen Übergriffen auch lakonisch »Faixa de Gaza« (Gazastreifen) genannt wird. Die anderen drei Seiten werden von stark befahrenen Straßen flankiert. In Summe ist der Platz also nicht unbedingt eine Gegend, in der man seiner neuen Freundin gerne aus der Biografie von Johan Cruyff vorlesen möchte, sondern eine jener Restflächen, die von der Stadtverwaltung keine entsprechende Aufmerksamkeit erhalten.

Ich erkundige mich bei einem der Obdachlosen, die sich hier aufhalten, ob auf diesem Feld noch gespielt werde. »Ja klar, komm am Sonntagmittag noch einmal vorbei. Da sind oft einige meiner bolivianischen Freunde hier. Und die Koreaner spielen meistens schon früher.« Der Mann stellt sich mir als Marco vor und ist vermutlich schon annähernd sechzig Jahre alt. Er trägt ein kanariengelbes Trikot der Seleção mit der Nummer 11 und dem Namen Ronaldinho auf dem Rücken und hat abgesehen von ein paar Stücken Pappe nichts bei sich. Auf meine Frage, ob er auch mitspiele, zeigt er auf sein Bein und schüttelt den Kopf. »Nein, aber früher bin ich richtig gut gewesen. Sie haben mich immer Beckenbauer genannt, weil ich so elegant gespielt habe. Aber du bist noch jung: Spiel mit!« Ich frage ihn nicht, aber er erzählt mir trotzdem von seinem Brotjob: »Ich komme ursprünglich aus der Umgebung von La Paz in Bolivien, dort habe ich als Schildermaler gearbeitet, bis ich arbeitslos wurde. Jetzt sammle ich Dosen. Mein Rekord liegt bei 820 am Tag! Du musst wissen, an den besten Plätzen bist du nie alleine. Für das Kilo bekomme ich zwei Reais bei Eduardo, das sind an guten Tagen dann oft zwölf Reais.« (Zum Vergleich: Ein Kilogramm Reis kostet in einem Supermarkt in São Paulo rund 2,50 Reais. Am Tag des Gespräches entspricht das 1,00 Euro.) Ich bedanke mich für seine Hilfe und er wünscht mir noch einen schönen Tag: »Mein Freund, pass auf dich auf. Bis Sonntag! Valeu!«

An diesem Tag war mir die historische Bedeutung dieses Ortes noch nicht bewusst: Der Überlieferung nach fand hier am 14. April des Jahres 1895 das erste »offizielle«, öffentliche und dokumentierte Jogo do Futebol auf brasilianischem Boden statt. Die genauen Geschehnisse dieser Tage sind leider nur schlecht erfasst, aber es steht fest, es war hier in diesem Areal, im Umfeld der heutigen Parkanlage Dom Pedro II.

Etwas mehr als ein Jahr vor dieser denkwürdigen Auseinandersetzung, am 18. Februar 1894, kehrte der von seinen Eltern im Kindesalter zur Schulbildung nach Southampton in England entsandte Charles William Miller mit einem Regelbuch, zwei Trikots, einer Luftpumpe und zwei Bällen unter den Armen nach Südamerika zurück. Als er nach seiner Ankunft am Hafen von Santos überrascht feststellte, dass »Football« in seiner Heimat völlig unbekannt war, erkannte der erst 19-jährige Charles Miller seine Mission in der Verbreitung des für ihn so königlichen Spiels.

In dieser ersten Begegnung zum Ende des 19. Jahrhunderts trafen die Mitarbeiter zweier englischer Unternehmen aufeinander. Als Teil des Teams, das sich aus Arbeitern der São Paulo Railway Company zusammensetzte, erzielte Charles Miller persönlich zwei Tore gegen die Werkself eines Gasunternehmens. Das Spiel endete 4 × 2 für die Mannschaft der São Paulo Railway Company.

Der englische Autor Josh Lacey beschreibt diesen Moment in seinem kenntnisreichen Buch God is Brazilian: Charles Miller, the Man who brought Football to Brazil folgendermaßen: »Als die Briten vom Spielfeld spazierten, schlugen sie sich gegenseitig auf die Schulter. ›Was für ein schönes Spiel‹, murmeln sie und rufen quer über das Feld zu Charlie, der auf dem Boden kniet und die Luft aus dem Ball lässt: ›Miller! Nettes kleines Spiel, alter Mann! Wann wollen wir wieder spielen?‹«

Es wurde wieder gespielt. Und wie! Diese Partie war der Anpfiff für eine einzigartige Erfolgsgeschichte: Innerhalb kurzer Zeit wurde in ganz São Paulo gespielt, innerhalb weniger Jahre in ganz Brasilien. Die Geschichten im restlichen Land schreiben sich zeitnah und ähnlich: In Rio de Janeiro war der Pionier Oscar Cox, der in der Schweiz studierte, und im Süden von Brasilien startete der Hamburger Johannes Minnemann die Epidemie um die »gelbliche Blase«. Das »brutale englische Spiel« befreite sich vom elitären Charakter der Anfangsjahre und wurde zum Breitensport aller Bevölkerungsschichten.

Ein Meilenstein in der Demokratisierung von Futebol war die Gründung des Teams Bangu in Rio de Janeiro. Der im Jahr 1904 ins Leben gerufene Vorstadtklub engagierte sich von Anfang an aktiv gegen die Ausgrenzung dunkelhäutiger und armer Spieler und verteidigte diese Linie auch erfolgreich gegen zahlreiche Widerstände der High Society.

Aus der englischen Bezeichnung »Football« wird in den kommenden Jahrzehnten das portugiesische »Futebol«, 1958 in Schweden gewinnt Brasilien zum ersten Mal die Weltmeisterschaft und im Juni 2002, etwas mehr als ein Jahrhundert nach diesem ersten, unschuldigen Spiel in São Paulo, wird die Seleção zum fünften Mal Weltmeister.

Im Viertelfinale des Turniers in Japan und Südkorea torpedierte Ronaldinho das englische Tormann-Urgestein David Seaman mit einem sehenswerten Freistoß aus fast vierzig Metern und sicherte so einen 2 × 1-Sieg der Seleção. Dieses Tor führte nicht nur zum zehnten Sieg – bei acht Unentschieden und drei Niederlagen – gegen das »Motherland of Football«, sondern war auch eine Demonstration der Zuschreibungen beider Länder: auf der einen Seite ein benommener und fassungsloser David Seaman, 38 Jahre alt, auf der anderen Seite ein ewiges kleines Kind, mit neunzigminütigem Lächeln im Gesicht. Es war ein Sieg des brasilianischen Spielwitzes über die englische Korrektheit und ein Triumph der südamerikanischen Improvisation über die europäische Rationalität.

Neun Tage später wird Brasilien in Yokohama mit einem 2 × 0 gegen Deutschland Weltmeister. Die gefeierten Spieler des Turniers: Cafu, Rivaldo, Ronaldo, Roberto Carlos und der neue Star der Seleção mit der Rückennummer 11: Ronaldinho.

Am Sonntag bin ich um 10 Uhr zurück in der Parkanlage in São Paulo. Marco, meine höfliche obdachlose Bekanntschaft, ist leider nicht anwesend, doch es spielen tatsächlich bereits zwei Mannschaften. Zwei ältere Männer brüllen von der Seitenlinie ihre Anweisungen aufs Feld und im Hintergrund des Geschehens ragt die Skyline des Zentrums empor; das 160 Meter hohe Edifício do Banespa bildet die imposante Speerspitze dieser Stahl- und Betonlandschaft.

Für mich hat das Ganze eine absurde Note, die mir sehr sympathisch ist: Am Geburtsort einer nationalen Leidenschaft, an einem der historischsten und zugleich vergessensten Plätze von Futebol do Brasil, machen sich jetzt ausgerechnet jene Menschen einige schöne Stunden, die sich sonst für gewöhnlich im Abseits der Gesellschaft wiederfinden.

Zurück zu den ausufernden Rändern von São Paulo, zurück ins Viertel São Mateus: Mein Team mit dem charmant klingenden Namen Boa Esperança (Gute Hoffnung) um Langzeittrainer Betão ist eine jener 384 Mannschaften, die im Jahr 2012 in der Copa Kaiser antreten.

Die Amateurmeisterschaft Copa Kaiser, gesponsert und benannt nach der lokalen Biersorte Kaiser, ist seit mehr als fünfzehn Jahren die übergeordnete Klammer für den Bewerb rund um die Spiele der Várzeas in São Paulo. In zwei Spielklassen, jeweils unterteilt in vier geografische Zonen, startet die Copa Kaiser jedes Jahr im März. In sieben Vorrunden werden die 192 Teams je Spielklasse auf vier reduziert, um schließlich im Halbfinale, im direkten Duell, über die Teilnahme am Endspiel zu entscheiden. Diese logistische Herausforderung mündet in ein gigantisches Programm mit nicht weniger als 1234 Spielen, oder anders: 86.380 Spielminuten bei einer reduzierten Spieldauer von zweimal 35 Minuten.

»Guter Hoffnung« bin auch ich an diesem Wochenende, als ich zum ersten Mal das Amateurteam besuche. An sehr guten Tagen ist wenig Stau in São Paulo, an schlechten Tagen sind die Autoschlangen insgesamt hundert Kilometer lang, und an einem sehr schlechten Tag, am 11. Juni 2009, war der Stau 293 Kilometer lang. Weltrekord!

Heute ist ein sehr guter Tag in São Paulo, und dennoch: Die Anfahrt zur rund dreißig Kilometer entfernten Destination gestaltet sich mühsam, selbst an einem Sonntagvormittag und mit dem Auto. Wohnt man hier und arbeitet im Zentrum, kann man mit zwei Stunden Anreise am Morgen und mit zwei Stunden Rückreise am Abend rechnen. Vorbei an den sicherheitsoptimierten Wohntürmen der aufsteigenden Mittelklasse, den geschlossenen Mauern und Zäunen der Anwälte, Aktienhändler und Ärzte, die identitätslosen Shoppingmalls und neonfarben leuchtenden Liebesmotels hinter sich lassend, scheint hier, an den Rändern der Millionenmetropole, der Übergang von legalen Wohnformen zu sogenannten Favelas fließend.

Je nach Studie und Bewertungskatalog befinden sich rund vierzig der 1600 Favelas von São Paulo im Viertel São Mateus. »Favela« ist ein undifferenzierter Begriff, der häufig abwertend mit »Slum« übersetzt wird. In der Regel handelt es sich um illegal errichtete Bauten mit unterschiedlichen Standards und Typologien. Die Bandbreite der Bauformen reicht von instabilen und waghalsigen Blech- und Holzkonstruktionen bis zu gemauerten, wenn auch bescheidenen Häusern in Eigenbauweise. Einen gemeinsamer Nenner gibt es jedoch immer: Die städtische Infrastruktur ist mangelhaft bis kaum vorhanden.

Speziell in Gegenden wie São Mateus feiert Futebol de Várzea jedoch seinen zweiten Frühling: Zum einen findet sich zwischen Industriezonen, Wohngebieten und Autobahntangenten immer noch eine Fläche für zumindest ein temporär bespielbares Feld, zum anderen sind die Várzeas in diesem ländlicheren Umfeld nach wie vor eine wichtige Institution. Futebol schafft hier, im aktiven Abseits, die wichtigsten Rahmenbedingungen für eine soziale Einrichtung. Das Spiel bildet eine vitale nachbarschaftliche Gemeinschaft, die sonst vom kulturellen Leben des Zentrums – nicht nur durch die räumliche Distanz, sondern vor allem durch die soziale Klasse – abgeschirmt ist.

Amadeu, der Gründer der Amateurmannschaft von Boa Esperança und Vater des Trainers Betão, erzählt aus der Anfangszeit: »Wir hatten diese Idee, hier ein Team zu gründen, weil es in der Nachbarschaft nichts für die Freizeit gab. Nada.« Neben diesem Gedanken an die Community spielt mittlerweile auch der Aspekt des Networkings eine Rolle bei den Transfers zwischen den benachbarten und konkurrierenden Teams: »Sie kicken für meine Mannschaft und ich finde einen netten Job für sie! Verstanden?« Und mit einem Achselzucken fügt Amadeu noch hinzu: »Wenn du ihnen am Sonntag kein gegrilltes Hühnchen servierst, sind sie am Montag wieder weg.«

Die Peripherie von São Paulo hat sich mit der Copa Kaiser eine eigene Liga geschaffen, eine neunmonatige Grillparty mit mehr als 1200 Spielen. Das Fest erreicht man über ein Netz an verzweigten Schotterwegen, zwischen einer leer stehenden Lagerhalle und einer Begrenzungsmauer zu einem Parkplatz liegt das Spielfeld von Boa Esperança. Dutzende Kinder und Jugendliche trommeln und singen bereits eine Stunde vor dem offiziellen Anpfiff, eine Gruppe älterer Herren vergnügt sich bei einem Kartenspiel. Einige Spielerfrauen, die zwei Söhne und die Frau von Coach Betão sind auch hier. Es scheint, als kenne jeder jeden.

Auf den dunkelblauen Trikots des Teams prangt zentral das Vereinswappen, gesäumt von weißen und orangefarbenen Streifen an den Rändern. Wie bei jeder guten grafischen Lösung erzählt auch dieses Wappen eine Geschichte: Der Falke der Ultra-Gruppierung »Gaviões da Fiel« (»Treue Falken«) schwingt seine Flügel über der Weltkugel des Teams von Grêmio. Ersteres eine Reminiszenz an den Verein Corinthians aus São Paulo, das »Team des Volkes«, das so gut wie alle hier unterstützen, und Letzteres ein Verweis auf den Hauptstadtklub des südlichsten Bundesstaates Rio Grande do Sul, der 1983 die Copa Libertadores und anschließend den Weltpokal gewann.

»Amadeu wollte es so«, versichert mir ein zurückhaltender Ersatzspieler auf meine Frage nach dem tieferen Zusammenhang dieser zwei Elemente. »Er liebt den Globus. Und er liebt Corinthians. Verstanden?« Verstanden! Im Stile einer Bastard-Pop-Nummer werden die visuellen Identitäten zweier verschiedener Teams zu einem neuen Ganzen kombiniert. Et voilà! Und dann sind da noch die drei eigenen goldenen Sterne, die stolz auf die drei erreichten Titel in der Copa Kaiser verweisen.

Zwischen der Bar, einem großzügig mit Fleisch belegten Grillrost, einem überdimensionalen Kühlschrank, randvoll mit Bier, und der Umkleidekabine zeugt darüber hinaus eine Art Ahnengalerie von den Erfolgen des Teams Boa Esperança: Es sind auf dünne Holzplatten kaschierte Fotografien der siegreichen Mannschaften der Jahrgänge 1998, 2000 und 2001. Von der Sonne ausgebleicht und von der Feuchtigkeit schon leicht verzogen, sind sie ein alternatives Format einer Vereinschronik.

Der Dokumentarfilm Futebol de Várzea des brasilianischen Regisseurs Marc Dourdin berichtet von den anonymen Helden und unbekannten Geschichten dieser Felder in São Paulo. Im japanischen Immigrantenviertel Liberdade verabrede ich mich mit Marc in einer Konditorei in der Nähe der U-Bahn-Station. Er hat wenig Zeit, aktuell arbeitet er auch an einem Film über das Team von Santos mit, der zum einhundertjährigen Vereinsjubiläum erscheint, außerdem bereitet er ein Konzept für eine Dokumentation über Wrestling vor.

Mich interessiert sein persönlicher Zugang und warum er ausgerechnet dieses nicht gerade populäre Thema der Várzeas wählte: »Ich bin ein direkt betroffener Spieler. Mein Feld ist jetzt leider ein Park. Und dann habe ich begonnen, mich intensiver mit der Geschichte der Várzeas auseinanderzusetzen. Ich habe mir gedacht: Das muss endlich jemand machen. So hat vor einigen Jahren alles angefangen.«

Einer der charmantesten Protagonisten in seiner Dokumentation ist der Schiedsrichter Dourado. Bei einem kleinen Turnier zwischen mehreren Nachwuchsteams aus der Region lerne ich ihn kennen. Mit seiner markanten Glatze hat er gewisse Ähnlichkeiten mit dem italienischen Schiedsrichter Pierluigi Collina. Auffallend und beeindruckend ist seine schwarze Arbeitsuniform, alles ist sauber gebügelt und sitzt perfekt. Er ist ein durchtrainierter Sportsmann, wahrscheinlich schon Mitte fünfzig. Beruf: Profischiedsrichter. Berufung: Várzea. »Rund 3000, vielleicht aber auch 5000 Spiele« hat Dourado schon geleitet. Laut Eigenauskunft ist er »gelernter Maschinenbauer, Kühlschrank-Mechaniker und Elektriker«, doch mit seiner Tätigkeit als Unparteiischer verdient er mehr: »50 Reais pro Match. Ich pfeife manchmal jeweils zwei oder drei Spiele am Samstag und Sonntag. Wenn du willst, kannst du so auf mehr als 1000 Reais im Monat kommen. Das ist viel Geld für einen wie mich, für einen gewöhnlichen Typen aus den Favelas von São Paulo.«

In diesem kleinen Universum am grenzenlosen Stadtrand von São Paulo ist Schiedsrichter Dourado eine Berühmtheit. Durch seinen langjährigen Einsatz kennt er viele Trainer, Spieler und auch zahlreiche Besucher persönlich. Vor dem Spiel wird er vom Publikum noch mit »Professor« und einer herzlichen Umarmung begrüßt, während und nach dem Spiel darf er sich lautstarke Beschimpfungen und Vermutungen über seine sexuelle Orientierung oder die Berufswahl seiner Mutter anhören. »Räuber! Hühnerdieb! Betrüger! Verbrecher! Hurensohn! Filho da Puta!« Dourado kennt sich mit den Umgangsformen hier aus und lässt sich auf Diskussionen mit dem Pöbel ein: »Ich bekomme 250.000 pro Spiel. Und du? Was ist los mit dir? Lass meine Mutter da raus.«

Wir setzen das Gespräch fort, während er unter der Dusche steht. Ich habe mich in vielen verschiedenen Bars über Futebol unterhalten, in einigen Bürogebäuden, selten bei Spaziergängen an einsamen Sandstränden, einmal im Foyer eines Kindergartens, aber bis zu diesem Zeitpunkt noch nie im Sanitärbereich einer Umkleidekabine. Ich reiche ihm sein Handtuch und Dourado spricht weiter über die Zusammensetzung der Teams: »Die Jungs kommen meistens aus derselben Favela und lieben Futebol. Es gibt Mannschaften, da findest du einen Räuber im Tor, einen Bankangestellten in der Verteidigung, einen Lastwagenfahrer im Mittelfeld, einen Trickbetrüger als Stürmer und einen von der Militärpolizei auf der Trainerbank. Es gibt auch ein Team nur mit Köchen. Und ein anderes, das sich nur aus Türstehern zusammensetzt. Du kannst mir das glauben oder auch nicht: Die haben immer den besten Tormann.«

Über seine fachliche Qualifikation sagt Dourado: »Ich kann die Regeln anwenden, ich kenne sie aber nicht ganz genau, noch immer nicht. Wenn du mich nach den achtzehn Regeln fragst, antworte ich dir: ›Die erste ist der Ball, die zweite das Feld und dann kommt der Rest.‹ Ich kenne die Regeln nicht, ich nutze einfach meine Erfahrung. Ich denke: Erfahrung und Mut sind das Wichtigste für diesen Job. Und eine Portion Glück! Ich war nie in eine Schlägerei verwickelt, keine Schusswaffen, nur die üblichen Beschimpfungen. Meistens verläuft alles friedlich.«

In der Verlängerung des Gespräches wird der Unparteiische dann doch noch sentimental: »Ich wurde Schiedsrichter, als ich zu spielen aufgehört habe. Die Sehnsucht war gigantisch, mir haben die Felder so sehr gefehlt. Ganz ehrlich: Ich bleibe bis zum bitteren Ende. Sie können mich hier begraben.«

Die Pelada hat in Brasilien aber noch zahlreiche Geschwister. Je nach Art des Geläufs hören sie auf verschieden klingende Namen. Eine der jüngsten und zugleich die vornehmste Schwester ist Futsal, als Kurzform von »Futebol de Salão«. Während Futsal in Mittel- und Nordeuropa noch ein Nischenprodukt ist, zählt es in Südamerika, Teilen von Asien, Süd- und Osteuropa längst zum Hauptabendprogramm.

Diese adaptierte Variante von Futebol wird nicht nur auf kleineren Spielfeldern, mit einem kleineren Ball und leicht modifizierten Regeln gespielt, sie ist durch die höhere Spielgeschwindigkeit auch eine ausgezeichnete Schule für eine trickreiche Entwicklung der Protagonisten. Da die Teams nur aus vier Feldspielern bestehen, ist jeder gezwungen, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Durch den geringeren Stellenwert der taktischen Komponente, bei gleichzeitig komplexen spielerischen Anforderungen, gilt Futsal als heimliche Kaderschmiede für die Generation der Superstars des 21. Jahrhunderts. Für unter anderem Kaká, Ronaldinho, Robinho, Ganso und Neymar war Futsal das Sprungbrett in den Profizirkus von Futebol. Und auch der Argentinier Lionel Messi sagt rückblickend: »Dem Futsal habe ich zu verdanken, wer ich heute bin.«

Während meiner Monate in Europa kann ich nicht viel für mein Team in Südamerika tun. Auf der Website der Copa Kaiser verfolge ich zumindest jeden Sonntagabend die Ergebnisse der Mannschaft: Série A, Zone Ost, Etappe 1, Gruppe L3, Team Boa Esperança. Die drei Spiele der ersten Gruppenphase überstehen sie knapp mit einem Sieg, einem Unentschieden und einer Niederlage, vier Punkte, Torverhältnis 3 × 3, nur drei Gelbe Karten.

In der zweiten Phase, in den drei Auseinandersetzungen im Juni, sind es wieder ein Sieg, ein Unentschieden, eine Niederlage, vier Punkte, Torverhältnis 5 × 2. Doch dieses Mal reicht es nur für den dritten Tabellenplatz, der das vorzeitige und bittere Aus bedeutet. Mit sechs Gelben und zwei Roten Karten scheint aber zumindest die Kabinenpredigt von Trainer Betão wahrgenommen worden zu sein: »Brave Jungs gewinnen keine Spiele. Wir sind verdammte Pitbulls! Alles klar? Verstanden?«

Ich mache mir die Mühe und durchsuche alle dreißig Gruppen, alle 180 Begegnungen der zweiten Phase auf Entscheidungen des Schiedsrichters hin. Die Statistik belegt die taktische Vorgabe des Trainers zwar nicht zur Gänze, sie behauptet aber auch nicht das genaue Gegenteil: In dieser Phase des Turniers entfielen von den insgesamt 880 Gelben Karten 52,6 Prozent auf qualifizierte Mannschaften, bei den 88 Roten Karten waren es genau 50 Prozent. Also eigentlich kein signifikanter Unterschied, weder in Richtung »Pitbulls« noch in Richtung »brave Jungs«.

Mitte November, rechtzeitig zum Ende der Saison, bin ich wieder in São Paulo. Mit einigen Freunden besuche ich das Endspiel der Copa Kaiser. Das Finale findet dieses Jahr erstmals im Estádio do Pacaembu statt. Das Pacaembu ist eine schicke Adresse in São Paulo, die für alle Spieler und Beteiligten wie ein Ritterschlag aufgenommen wird: Wochen zuvor spielten die jungen Männer noch auf den verstaubten Plätzen am Stadtrand, heute laufen sie im noblen Stadionoval im Zentrum der Metropole auf. Für ein Spiel stehen sie heute im Flutlicht, für siebzig Minuten im Mittelkreis von Futebol do Brasil.

EC Ajax und Turma do Baffô qualifizierten sich nach den sieben Vorrunden und dem Halbfinale für das Endspiel. Die beiden Mannschaften mobilisieren zusammen mehr als 21.000 Anhänger, was umso beeindruckender ist, wenn man diese Zahl mit jenen der obersten Profi-liga vergleicht: Beim Meister der Saison 2012, Fluminense aus Rio de Janeiro, reicht die Spanne von 2852 bis 32.591 Zuschauern, Atlético Goianiense gegen Sport Recife verfolgten 449 Besucher und das Spitzenspiel war FC São Paulo gegen Náutico mit 62.207 Interessierten im Estádio do Morumbi in São Paulo. Der ligaweite Durchschnitt lag in der Saison 2012 bei lediglich 12.983 Personen.

Die Stimmung auf den Rängen und das Spiel selbst kommen jedoch ohne weitere Höhepunkte aus, die Begegnung endet verdientermaßen 2 × 1 für Ajax. Turma do Baffô bleibt, genau wie im vorigen Jahr, nur der Titel des Vizechampions.

Auf dem kulinarischen Programm der Nachbesprechung steht, wie schon bei meinem letzten und vorletzten Besuch, Churrasco, gegrilltes Fleisch in seiner ursprünglichsten Form. Und für die Spieler? Das versprochene Hühnchen, damit sie am Montag wiederkommen. Als Beilage für alle: jede Menge eiskaltes Dosenbier.

Zwischen 2008 und 2013 lebte Alois Gstöttner in São Paulo und Rio de Janeiro und veröffentlichte anschließend die Publikation »Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft«. Das Buch wurde im Juli 2014 von der »Deutschen Akademie für Fußballkultur« zum »Fußballbuch des Jahres« nominiert und erreichte schlussendlich den 3. Platz.