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Written by: Date: Mai 2, 2006 ⋅ Category: Interviews / Magazin: Bob / Top 11

Ute Bock: Kein Bock auf Mama

Geschäftslokal, Wien, Große Sperlgasse 4, warten auf Frau Bock. Stimme aus dem Hinterzimmer, tief, laut und streng: »Und stell ja nichts an!« A. bewohnt eine Asylwerber-Wohnung im Obergeschoß, darf den Vereins-Computer nutzen. Musik-CDs brennen ist nicht inkludiert. Unermüdlicher Einsatz für Asylwerber und Obdachlose haben Ute Bock zum Markennamen für die gerechte Sache werden lassen. — Magazin Bob, Ausgabe 03 – Mutter: Vom Leben nach der Geburt, Mai 2006, Interview: Sophia-Therese Fielhauer, Foto: Michael Dürr

Sind Sie denn streng, Frau Bock?
Ich war 41 Jahre lang Erzieherin, das färbt leider ab. Und da habe ich den fürchterlichen Ton her. Meine Mutter sagte: »Du bist nicht auf dem Kasernenhof.«

Traumberuf Erzieherin …
Ein sicherer Posten. Ich war meinen Eltern gegenüber immer sehr folgsam, stamme aus einem gutbürgerlichen Milieu. Ich mochte Mathe, Rechnen, hätte gerne Buchhaltung gemacht. Doch die Arbeit als Erzieherin hat mir schon zu Beginn gefallen. Dass Eltern ihre Kinder halbtot schlagen, wusste ich davor noch nicht.

Haben Sie eine enge Bindung zu Ihren Schützlingen?
Ich klammere nicht und erwarte mir nichts. Manche stecken ihre Ziele zu hoch, haben falsche Hoffnungen und werden enttäuscht. Eine Fürsorgerin ging mit einem Mädchen in die Oper. Ihre Reaktion: »Was soll ich in der Oper, wenn ich nichts zu fressen habe?«

Ihr Erziehungskonzept?
Man soll jeden belassen, wie er ist. Und schauen, dass er so sein kann, wie er ist. Ich tu schon umeinander keppeln, will aber vermitteln: Du kannst uns vertrauen, wir versuchen dir zu helfen, was du nicht erzählst, behalte für dich.

Sie sind die Mama Bock, also mütterlich?
Ich habe mich, obwohl es furchtbar klingt, schon als Mutter empfunden. Ein Jugendlicher sagte seiner Fürsorgerin: »Die Frau Bock, das ist eigentlich meine Mutter.«

Was am Muttersein ist fürchterlich?
Ich mag den Begriff Mutter nicht, der hat so einen unguten Geruch. So wie Muttertag. Sehr viele Frauen, die es nicht verdienen, legen Wert auf den Mutterbegriff. Die schrecklichsten Leute lassen sich zum Muttertag feiern. Meine Mutter war okay, die hat es nicht leicht gehabt, war aber immer für uns da. Sie hat Wert darauf gelegt, dass wir selbstständig sind.

Die Heimkinder sahen Sie aber als Mutter?
Ein falscher Begriff, der ein falsches Gefühl auslöst. Ich sagte den Kindern: »Ihr habt eine Mutter, wenn die nicht gut ist, ist das Pech, aber es gibt nur die eine. Nennt mich nicht so!«

Auch das klingt sehr streng …
Ich sagte ihnen aber auch: »Hier bist du zu Hause, da kannst du wieder hin, gehörst hierher.« Distanz und Respekt haben immer funktioniert.

Stört Sie der Titel Mama Bock?
Die Afrikaner führten das Mama Bock ein. Später habe ich begriffen, dass es eine Respektsbezeichnung ist, so wie Mam. In Afrika ist es eine Beleidigung, wenn nur der Vorname benutzt wird. Jetzt haben alle diesen Namen übernommen, auch Russen, die älter sind als ich, nennen mich Mama Bock.

Wer kommt in den Genuss Ihrer Hilfe?
Ich frage nicht, ob ein Mensch arbeitet oder vorbestraft ist. Es stört mich nicht besonders, wenn jemand kriminell ist. Er ist dafür bestraft worden, das muss er nicht mit mir ausmachen. Wir betreuen etwa 1000 Obdachlose, haben 300 Menschen in Wohnungen untergebracht. Zu Beginn waren es Afrikaner, jetzt sind ein Drittel davon Chinesen. Wir haben Tschetschenen, Russen, Ukrainer, Afghanen, Georgier, Rumänen und Türken. Es kommen auch Österreicher, um sich hier zu melden.

Wie erklären Sie sich den Zustrom der Chinesen?
Sie haben in Kellerlokalen von Restaurants gewohnt, wurden hierher geschickt. Sie kommen nicht aus der Haft, sie brauchen unsere Rechtsberatung nicht. Die Georgier und Afrikaner aber werden an jeder Ecke eingesperrt.

Alle können Sie nicht unterbringen, wen also ziehen Sie vor?
Wir haben derzeit etwa 70 Wohnungen. Einen freien Platz bekommt, wer Hilfe braucht. Die Bewohner müssen aber zueinander passen, ich stecke keinen Georgier zu einem Schwarzafrikaner. Es funktioniert nicht einmal, wenn Menschen aus Nigeria und Gambia zusammen wohnen. Christen und Moslems, das geht nicht gut. Eine armenisch-tschetschenische Hausgemeinschaft hat funktioniert – ein Mann mit drei Kindern, die Frau ist unter tragischen Umständen in Tschetschenien verstorben. Weil der tschetschenische Mann Hausarbeit ablehnt, hat die armenische Frau das übernommen und die Kinder mitbetreut.

Wie finden Sie die Wohnungen für Ihr Projekt?
Gute Seelen stellen sie zur Verfügung. Viele der Häuser stehen kurz vor dem Abriss, sind nur auf Zeit verfügbar. Ob damit die Mieter vertrieben werden sollen? Der Zweck heiligt die Mittel. Afrikaner will niemand mehr im Haus haben, wenn die Polizei ständig die Tür aufbricht.

Die Wiener Landtagsabgeordnete Matiasek (FPÖ) nennt den Verein Ute Bock ständig im Zusammenhang mit Scheinmeldungen und Kriminellen …
Ich habe sie besucht, musste mich eineinhalb Stunden gegen den Vorwurf verteidigen, Illegale zu beherbergen, die das Sozialsystem ausnutzen. Was können die Menschen schon mit dem Meldezettel anfangen? Sie besitzen eine Lagerkarte und haben nicht einmal einen Platz dort.

Ein sprichwörtlicher Kampf gegen Windmühlen?
Ich erwarte mir nichts, ich ärgere mich nicht, aber ich will es gesagt haben, obwohl es natürlich nichts ändert. Ich habe nach einem falschen Bericht bei der Kronen Zeitung angerufen. Ohne jemals hier gewesen zu sein, hat die Redakteurin die Zustände beklagt. Ich habe sie eingeladen, hierher zu kommen, aber sie hat mich schroff abgewiesen und gefragt, was das eigentlich bringen soll.

Mit Ihrem Engagement für Asylwerber machen Sie sich auch unbeliebt. Wurden Sie deshalb bedroht?
Es passiert eigentlich sehr wenig gegen mich. Jemand hat nach einer TV-Sendung angerufen, gesagt: »Die Wohnungen werden brennen!« Das ist nie passiert und ich hoffe, das bleibt so. Offen gesagt habe ich bei der ORF-Gesprächsrunde »Offen gesagt« viel zu wenig offen gesagt. Weil sie mich nicht zu Wort kommen haben lassen – Gott sei Dank!

Sie haben keine Angst?
Doch. Ich hatte einen Rechtsanwalt, Otto Unger, der mich kostenlos vertreten hat, damals war der Verein noch kleiner. Unger wurde im November 2000 beim Joggen überfahren, angeblich von einem Betrunkenen. Ich habe es nicht verfolgt und will mich nicht verfolgt fühlen, war auf der Straße aber ängstlich.

Ute Bock ist eine Art Markenname geworden …
Es ist furchtbar, die Leute schauen mich an, überlegen, wer ich bin, und ich überlege dann, ob ich sie kennen müsste. Das hat 1999 mit der Razzia Operation Spring* begonnen.

Sie sind ein Sympathieträger, machen die Arbeit, die andere nicht leisten …
Ich verstehe es bis heute nicht. Ich bin überzeugt, dass da ein fürchterliches Unrecht geschieht und ich tue halt ein bissel was dagegen. Viele Fremde sprechen mich an, drücken mir auch Geld in die Hand. Bei mir melden sich auch immer ein bissel Verrückte, kuriose Leute.

Vor allem die Aktion Bock auf Bier war ein Riesenerfolg …
Leider ist das vorbei, weshalb, weiß ich nicht genau. Zu Weihnachten haben wir am Punschstand so viele Leiberl verkauft, kurzärmelig. Wer kauft das im Winter?

Wie geht es dem Verein Ute Bock derzeit?
Es geht mir dreckig, das ist eh immer so.

Wie sieht Ihr Tag aus?
Es kommen Berge an Post. Wir helfen den Menschen beim Lesen, ein Hauptteil sind Schreiben von Inkassobüros. Ich gebe das alles persönlich in den Computer ein, damit wir es auch belegen können. Meine Mitarbeiter haben das schön einfach für mich eingerichtet, aber wenn der PC einen falschen Ton von sich gibt, kenne ich mich nicht mehr aus. Ich will nichts mehr lernen, ich hab’ genug.

Ständig Ärger mit Ämtern?
Die Ämter haben sich an mich gewöhnt, schicken mir Faxe, rufen mich an. Überall gibt es jemanden, mit dem man kann. Man muss halt schauen, dass man die Gutwilligen findet.

Ein Wunsch für die Zukunft?
Das wir einmal überflüssig werden. Es ist falsch, was wir hier machen. Wir müssten die, die hungern, jeden Tag ins Innenministerium treiben. Ich glaube auch nicht, dass ein Regierungswechsel etwas ändern wird. Was ich nicht verstehe, ist, dass wir hier in Österreich nicht ausbilden lassen. Wir haben schon so viel Gescheite hier, die was lernen wollen. Warum müssen wir die Fachkräfte erst herholen?

Frisst Sie Ihr Engagement, bis Sie »überflüssig werden«, nicht auf?
Probleme gehören dort geklärt, wo sie sind, deshalb sollte niemand weggeschickt werden. Ich bin die Anlaufstelle für alles, weise niemanden ab. Vielleicht will ich mich ja nur wichtig machen, doch wenn ich Hilfe leisten kann, darf ich nicht Nein sagen. Ich glaube immer, dass ich für alle denken und alles alleine machen muss. Ich kann schwer etwas an Mitarbeiter abgeben. Es tut mir immer Leid, wenn ich nicht helfen konnte. Ein bissel einen Vogel hab ich schon, das weiß ich.

Frau Bock, Sie haben 41 Jahre lang andere Menschen erzogen. Wo blieb das Privatleben?
Ich bin nicht dazu gekommen, habe nicht geheiratet, bin als junges Mädchen nie ausgegangen. Bei uns zu Hause war es sehr streng. Meine Mutter war ein Jahr lang schwer krank, ich war die älteste Tochter und da musste ich halt ran. Später kam der Dienst im Heim.

Einen Partner haben Sie also nicht vermisst?
Nein, und heute bin ich heilfroh, dass ich keine Socken flicken muss, sagen muss, wo ich hingehe, wann ich heimkomme. Das habe ich mir erspart. Ich habe nix versäumt.

Pflegen Sie den Kontakt zu ehemaligen Zöglingen?
Ehemalige Kinder rufen mich an, wollen vorbeikommen und sich persönlich bedanken. Neulich sagte einer: »Auf mich können Sie stolz sein, aus mir ist was geworden!«

Was denken die Kinder von einst über Ihr heutiges Engagement?
Die wissen, wie ich bin, und wundern sich nicht. Was heute anders ist: aus der Zohmanngasse** kam ich nie heraus, jetzt fahre ich viel rum und treffe viele Menschen.

Glaubt Ute Bock?
Ich kann mir kein höheres Wesen vorstellen, dass seine Freude daran hat, wenn sich seine Schöpfung gegenseitig umbringt. Dass der liebe Gott alles sieht, glaube ich nicht, da schaut er wohl eher weg. Doch manchmal passieren Dinge, die können kein Zufall sein.

Können Sie sich ein Leben als Flüchtling vorstellen?
Ich würde nicht auswandern wollen. Dass man alles aufgibt, um Freiheit zu haben, sechs Jahre unterwegs ist, verstehe ich nicht. Ich würde wohl eher picken bleiben. Das ist freilich kein Ratschlag. Jeder Mensch lebt nur einmal und er muss das Recht haben, es sich zu verbessern, wenn er kann.

Sind Sie frei von Vorurteilen?
Nach 1945 waren die Deutschen Schuld am Krieg. Am Land war meine Mutter nur die Deutsche. Wir gingen nie wohin, denn sie hat gespürt, dass sie niemand will, das habe ich als Kind schon mitgekriegt. Ich selbst habe so was wie Vorurteile nie gekannt. Ich kann nicht begreifen, dass Menschen jemandem das Recht absprechen wollen, hier zu leben.


Zur Person
Zunächst arbeitet Ute Bock als Konturistin in einer Stempelmacherei, später wechselt sie als Erzieherin zur Gemeinde Wien. Ab 1969 ist sie im Gesellenheim Zohmanngasse** tätig, sie übernimmt dort 1976 die Leitung und geht 2002 in Pension. Seit 1990 werden vom Jugendamt unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Gesellenheim untergebracht. Ute Bock engagiert sich für die Asylwerber. 1999 findet im Rahmen der Polizeiaktion Operation Spring* eine Razzia statt, 30 afrikanische Jugendliche werden unter Verdacht auf Drogenhandel festgenommen. Ein Disziplinarverfahren gegen Ute Bock wird wieder eingestellt, Anzeigen wegen Bandenbildung und Drogenhandel werden ebenso zurückgezogen. Die Aufnahme weiterer afrikanischer Asylwerber wird ihr von der Gemeinde Wien jedoch untersagt. Um ihre Schützlinge vor einem Leben auf der Straße zu bewahren, gründet Ute Bock das Flüchtlingsprojekt Ute Bock. Von nun an organisiert sie in ihrer Freizeit private Wohngemeinschaften, Rechtsberatung, Sozialberatung, Post und Meldeservice, Bildung usw.

Das Magazin »Bob« erschien zwischen Frühling 2005 und November 2007 in Österreich und Deutschland. Nach einem Rechtsstreit mit der Mobilkom Austria wurde es eingestellt.

Herausgeber: Club Bellevue / Chef-Redaktion: Alois Gstöttner, Wolfgang Haas, Anaïs Horn, Kira Kirsch / Visuelle Gestaltung und Produktion: Alois Gstöttner

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