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  • Keine Frage der Klasse. Das Edifício Copan in São Paulo von Oscar Niemeyer.

    Das Wohngebäude Edifício Copan in São Paulo ist bis heute eine lebendige Skulptur der südamerikanischen Moderne. Ein Lokalaugenschein zwischen den Jahrzehnten.

    Tom Jobim komponierte mit »The Girl from Ipanema« ein Juwel des Bossa Nova. Die Seleção feierte ihren zweiten Weltmeistertitel in Chile. Und die Architekturretorte Brasília wurde die neue Hauptstadt des Landes. Die frühen 1960er-Jahre, eingebettet in ein visionäres, eigenständiges und modernes gesellschaftliches Klima. Oder, wie Stefan Zweig vor mehr als 70 Jahren seinen Exil-Zufluchtsort charakterisierte: »Brasilien. Ein Land der Zukunft«.

    In dieser pulsierenden Ära realisierte der Architekt Oscar Niemeyer im Herzen der rapid wachsenden Millionenmetropole São Paulo einen Wohnbau der Superlative. Das Edifício Copan, das 1957 zu bauen begonnen und schlussendlich neun Jahre später unter Carlos Lemos fertiggestellt wurde, ist eine 140 Meter hohe Wohnmaschine mit 32 Etagen, 1160 Wohneinheiten und einer eigenen Postleitzahl.

    Es gibt sechs Bereiche, die durch getrennte Zugänge direkt aus der erdgeschoßigen Gewerbezone erschlossen werden. Zwischen Außenwelt und Innenleben liegt nur ein Aufzug und einer der 20 Portiere, die rund um die Uhr für die Sicherheit der Bewohner zuständig sind.

    Doch nicht nur die Superlative ist prägend für dieses Megaprojekt, sondern auch der damals visionäre Anspruch, die verschiedenen sozialen Schichten innerhalb eines einzigen Gebäudes zu integrieren. So liegen etwa zweigeschoßige Luxuslofts mit über zweihundert Quadratmetern direkt neben den Minimalvarianten bescheidener Single-Garçonnièren. Der brasilianische Kunststudent wohnt über der japanischen Immigrantenfamilie, die erfolgreiche Rechtsanwältin neben dem arbeitslosen polnischen Medienkünstler. Das Edifício Copan ist ein soziales Biotop, eine moderne Architekturinstallation und keine Frage der Klasse. So hält das soziale Versprechen des Edifício Copan bis heute. Im klassenbewussten Brasilien stellt das keine Selbstverständlichkeit dar: Die benachbarten Bezirke sind geprägt durch homogenere Wohnformen und nivellierte soziale Durchmischung.

    Viele der Apartments wichen in den 1980er-Jahren dem hauseigenen Rotlichtbezirk. Im Rahmen der nötigen Revitalisierung folgten den Bordellen später dann Reisebüros, Videotheken, Optiker, Frisöre und Nagelstudios. Sieben davon haben in der nach außen offenen Erdgeschoßzone, die in Form kleiner Geschäftsstraßen die Niveauunterschiede der angrenzenden Plätze und Straßen ausgleicht, bis heute überlebt und florieren wie am ersten Tag.

    Neben rund 60 weiteren Läden, Restaurants und dem herrlichen Stehcafé Floresta mit dem vielleicht besten Kaffee der Stadt gibt es ein ehemaliges Kino, das heute als Veranstaltungssaal der zweifelhaften Freikirche »Renascer em Cristo« (»Wiedergeburt in Christus«) genutzt wird. Der Mix ist so vielfältig wie bei Le Corbusier, dem bedeutendsten Meister der Moderne, der dieses Konzept bereits 20 Jahre zuvor in der Unité d’Habitation in Marseille realisiert hatte.

    Auch formal und städtebaulich setzt das Copan neue Maßstäbe. Wie die Welle einer sanften Sinuskurve steht es auf einer dreieckigen Parzelle unweit der zentralen Praça da República. Die unverwechselbar Formensprache entwickelte sich zu einem Markenzeichen Niemeyers und somit auch zu einem Teil der Identität der brasilianischen Stadtlandschaften.

    Viele weitere Entwürfe des Pritzker-Preisträgers (1988) folgen in der Formensprache »der freien und sinnlichen Kurve, die ich in den Bergen meines Landes finde, im mäandernden Lauf seiner Flüsse, in den Wolken des Himmels, im Leib der geliebten Frau. Das ganze Universum ist aus Kurven gemacht. Das gekrümmte Universum Einsteins.«

    Die signifikante Form des Copan, das viele Paulistas wie einem Wahrzeichen huldigen, ergibt sich nicht zuletzt durch die elegante horizontale Strukturierung der Fassade. Als wäre Niemeyer einer Frau mit dem Kamm durchs Haar gefahren, wird die Welle in jedem Geschoß von drei Betonlamellen akzentuiert. Sie erstrecken sich über die gesamte Länge und bieten Schutz vor Sonne, Regen und Blicken. Diese Diktatur des Blicks beschränkt die Wahrnehmung der Außenwelt auf den Lärmpegel eines Flugfeldes und auf ein Bild der Stadt, das nur einen gerahmten und eng gesteckten Blick auf die Fassaden der benachbarten Hochhäuser zulässt. Zu dicht ist mittlerweile die Bebauung, um diesem Blickregime zu entkommen. Umgekehrt ist auch die Ansicht von der Stadt auf das Hochhauslängst verbaut. Es findet sich keine Perspektive zur Erfassung des gesamten Volumens, wie dies etwa auf Archivaufnahmen dokumentiert ist.

    Kritiker bemängeln die ungenügende Funktionsweise von Niemeyers Bauten und reduzieren sie auf ihre unbestrittenen ästhetischen Qualitäten. Als das fotogenste Projekt gilt das Museum für zeitgenössische Kunst in Niterói, ein beliebtes Referenzbild für jeden Hochglanz-Reiseführer. Der mittlerweile 103 Jahre alte »Godfather of Modern Architecture in Brazil« antwortet in der sehenswerten Dokumentation »Das Leben ist ein Hauch« des Regisseurs Fabiano Maciel mit der gelassenen Weisheit eines älteren Herrn: »Wenn man nur die Funktion bedient, wird das Ergebnis eben Scheiße.«

    Trotz aller Alters- und Verschleißerscheinungen zählt das Copan heute wieder zu den schicken und angesagten Adressen in Sampa, wie die Elf-Millionen-Metropole São Paulo auch liebevoll genannt wird. Das Viertel rund um den Praça da República erfuhr in den letzten Jahren eine stetige Aufwertung, der Leerstand und die Kriminalitätsraten sind rückläufig, die Wohnqualität zunehmend attraktiver.

    Das »Gesetz der sauberen Stadt« (»Lei Cidade Limpa«) war das kontroversiellste Projekt im Rahmen dieses anhaltenden Prozesses. 2007 initiiert, untersagt es unter anderem Werbung im öffentlichen Stadtraum. Der Werbeverbot in der Stadt sei ein »Kreuzzug gegen die visuelle Umweltverschmutzung«, wie es Bürgermeister Gilberto Kassab – nicht wirklich zur Freude der Werbewirtschaft – ausdrückt. Ausgerechnet dieses Gesetz könnte für das Edifício Copan nun zum Problemfall werden. Die dringend anstehende Fassadensanierung soll nämlich aufgrund von Schwierigkeiten mit der Finanzierung mithilfe von Werbegeldern realisiert werden. Bei rund 22.000 Quadratmeter Werbefläche pro Gebäudeseite würde wohl ganz Las Vegas vor Neid erblassen. Ein Billboard mit der Fläche von neunzig Tennisplätzen!

    Und so hoffen die Projektverantwortlichen derzeit auf die juristische Flexibilität des »Artikel 50«, der eine Ausnahmeregelung des »Lei Cidade Limpa« gewährt, sofern eine »Verbesserung der Stadt, der Umwelt oder der Landschaft« vorliegt. So würde das Edifíco Copan zwar über einen längeren Zeitraum ihre identitätsstiftende Erscheinung verhüllen, doch im Sinne eines sensiblen Umganges mit der Moderne wäre dieser Sanierungsprozess – nicht nur hier – dringend nötig.

    Zwischen 2008 und 2013 lebte Alois Gstöttner in São Paulo und Rio de Janeiro und veröffentlichte anschließend die Publikation »Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft«. Das Buch wurde im Juli 2014 von der »Deutschen Akademie für Fußballkultur« zum »Fußballbuch des Jahres« nominiert und erreichte schlussendlich den 3. Platz.