Peladão: Die Schöne und das Spiel

Der Peladão in Manaus wurde am 31. August 2013 feierlich eröffnet. Über 500 Mannschaften ermitteln im größten Amateur-Fußballturnier den Meister ihrer Reihen. Nicht genug des Spektakels, findet als integrativer Bestandteil des Turniers ein Schönheitswettbewerb statt.

Im brasilianischen Portugiesisch bezeichnet das Wort »Pelada« umgangssprachlich ein spontanes Spiel, zumeist barfuß auf rasch abgesteckten Feldern. Die Pelada ist eine Huldigung der zwanglosen Bolzerei, ohne sich an ein strenges, gnadenloses und humorfreies Reglement zu binden. Der Begriff leitet sich etymologisch vom lateinischen »Pila« für »Ball« beziehungsweise dem portugiesischen Wort für Gummiball, dem »Péla«, ab und meint in diesem Fall aber auch eine Kokosnuss, eine ausgestopfte Socke, eine leere Plastikflasche oder einen alten Badeschlappen.

Caio Vilela, Fotograf, Journalist und Herausgeber zahlreicher Bücher zum Themenkomplex »Pelada«, bereiste fast einhundert Länder in dieser Mission und ist wohl der beste Ansprechpartner für meine Fragen: »Egal, ob in der Antarktis oder vor den Pyramiden in Ägypten: Ich glaube, die Pelada ist eine universale Sprache, eine Ausdrucksform einer globalen Kultur, unabhängig von Rasse und Religion.« Für sein neuestes Buchprojekt Futebol Arte – Von Oiapoque bis Chuí war er in allen Bundesstaaten Brasiliens unterwegs. Der Bildband kann tatsächlich wie ein alternativer Atlas gelesen werden und verdeutlicht die geografischen Besonderheiten des Landes. Er gibt mir ein Beispiel: »In Macapá, der Hauptstadt des Bundesstaates Amapá, ganz im Norden von Brasilien, warten die Burschen und Mädchen auf die Ebbe des Amazonas. Wenn der Fluss dann langsam zurückgeht, wird barfuß im Schlamm gespielt.«

Die Pelada wird tagtäglich tausendfach im ganzen Land praktiziert: in den gepflasterten Gassen von Salvador, an den Bushaltestellen von Recife, in den Parks von Brasília und natürlich an den Stränden von Rio de Janeiro. In Manaus aber, der Hauptstadt des flächenmäßig größten brasilianischen Bundesstaates Amazonas, bekommt die Pelada eine neue, imposantere Dimension: Sie wird zum Peladão, einem Turnier der Superlative.

Seit Anfang der 1970er-Jahre, als A Crítica, die auflagenstärkste Tageszeitung im Amazonas, diese Veranstaltung initiierte, wird der Bewerb alljährlich zwischen August und Dezember ausgetragen. Die annähernd zwei Millionen Einwohner zählende Stadt Manaus liegt 3000 Kilometer beziehungsweise vier Flugstunden nördlich von São Paulo und genießt in vielerlei Hinsicht einen besonderen Status: Gelegen am Rio Negro, unweit dessen Mündung in den Amazonas, ist die Stadt – abgesehen von der Überlandverbindung in das Nachbarland Venezuela – nur per Flugzeug oder Schiff erreichbar. Der Bundesstaat Amazonas umfasst die vierfache Fläche von Deutschland und durch die isolierte Lage der Hauptstadt Manaus gestaltet sich die Anreise für viele Mannschaften schwierig, vor allem in finanzieller Hinsicht: Manche Teams nehmen eine mehrtägige Bootsfahrt auf sich, nur um ein einziges Spiel zu bestreiten.

Als ob dieser exotische Schauplatz nicht ausreichend wäre, muss seit dem zweiten Jahr des Turnierbestehens jede teilnehmende Mannschaft eine eigene Schönheitskönigin in den parallel stattfindenden Schönheitswettbewerb schicken. Die jungen Frauen, die in eigenen Fernsehshows zu den schönsten gekürt werden, sichern ihrer unter Umständen bereits ausgeschiedenen Mannschaft einen Platz in der Hoffnungsrunde. Darin treffen die solcherart ins Turnier Zurückgekommenen auf die Teams der Provinz. Zahlreiche Gemeinden im Hinterland halten nämlich ihre eigenen Versionen des Peladão ab und entsenden ihre siegreichen elf Freunde samt Schönheitsköniginnen nach Manaus. Der Gewinner des Parallelbewerbs darf als letzte Mannschaft in das Achtelfinale des Hauptturniers einsteigen.

Man ahnt es: Das Regelwerk ist komplex. So ist es den Schönheiten ausdrücklich verboten, während der Dauer des Wettbewerbs private Einladungen anzunehmen oder an Fotoshootings teilzunehmen. Darüber hinaus wird auch, wie selbstverständlich, »die ständige Begleitung der Mutter« empfohlen.

Doch die Mühe lohnt sich: Für einige der Damen ist der Bewerb der Startschuss für eine Karriere auf dem Laufsteg. Priscilla Meirelles zum Beispiel brachte es im Jahr 2004 immerhin zur »Miss Earth« und ist heute als Showmasterin, Model und Schauspielerin aktiv. Auch bei den Herren schaffte einer den Sprung nach ganz oben: França, Stürmer der Seleção und bei Bayer 04 Leverkusen, begann beim Turnier in Manaus seine steile und erfolgreiche Laufbahn. In der Saison 2002 / 03 wechselte França von Brasilien in die deutsche Bundesliga und war bis zur Saison 2012 / 13 mit einer Ablösesumme von 8,5 Millionen Euro der teuerste Spielereinkauf in der Leverkusener Vereinsgeschichte.

Im Rahmen der Eröffnung des Peladão im Jahr 2013 unterhalte ich mich mit einer der 506 jungen Frauen über die Gründe ihrer Teilnahme: »Die Jungs aus meiner Nachbarschaft spielen mit und haben mich gefragt, ob ich ihre Schönheitskönigin sein will. Mein neuer Freund ist dort seit einigen Jahren Tormann. Und klar, da habe ich zugesagt. Ich bin schon sehr aufgeregt, es ist meine erste Teilnahme am Peladão.« Ihr Name ist Larissa, sie ist zwanzig Jahre alt und ihr Gesicht weist indigene Züge auf, wie man es sehr häufig im Amazonas beobachten kann. Sie hat lange schwarze Haare, eine schlanke Figur und trägt ein Trikot, das in der Farbgebung an jenes von Borussia Dortmund erinnert. Larissa ergänzt ihre Ziele und gibt eine nüchterne Prognose ab: »Natürlich möchte ich gewinnen. Aber es wird sehr schwierig: Die 258 hat sogar einen eigenen Fanklub hier. Und schau dir die Nummer 449 an: Sie ist blond! Und ich bin mir nicht so sicher, ob diese Brüste tatsächlich echt sind.«

Ihr Freund, der Tormann Fabio, erzählt mir: »Im letzten Jahr erreichten wir nicht einmal die zweite Runde. Aber in diesem Jahr haben wir regelmäßig trainiert und ich denke, unser Team kann weit kommen.« Er verzieht das Gesicht und spricht weiter: »Ich sehe hier sonst nur Kartoffelgesichter. Ich glaube, Larissa hat wirklich gute Chancen auf den Sieg.«
 Fast zwei Wochen nach der Eröffnung gibt die Jury, nicht nur von Larissa und Fabio mit Spannung erwartet, jene einhundert Kandidatinnen bekannt, die in die zweite Runde aufsteigen: Die Nummer 449 (Brüste) und die Nummer 258 (Fanklub) schaffen den Einzug in die nächste Phase des Wettbewerbs. Larissa steht nicht auf der Liste.

Manchmal auch als die »Olympischen Spiele des Amazonas« bezeichnet, an denen jeder teilnehmen kann, der möchte, lässt sich die Bedeutung des Peladão nicht zuletzt auch an den Zuschauerzahlen messen: Während die Mannschaften in der regionalen Meisterschaft, der Campeonato Amazonense, meist nur einige hundert Interessierte anlocken, werden die Entscheidungsspiele des Peladão regelmäßig von mehr als 10.000 Besuchern verfolgt.

Arnaldo Santos, der Organisator des Turniers, fasst die Philosophie der Veranstaltung enthusiastisch zusammen: »Der Peladão ist ein fantastisches Zeichen der Kraft, der Entschlossenheit, der Opferbereitschaft, aber vor allem des Lebens.« Der integrative Charakter der Veranstaltung, die Menschen unterschiedlichster Schichten im Spiel vereint, ist ein wesentliches Element des Peladão. Im 62-seitigen Regelwerk proklamiert der erste von über 200 Artikeln: »Das Ziel des Peladão sind die soziale Integration des Volkes durch den Sport, die Förderung des technischen Potenzials und die Hervorhebung des Mutes und der Schönheit der amazonensischen Jugend.«

Der Enkelsohn des Gründers, Dissica Calderaro, hat eine pragmatischere, weniger romantische Erklärung für den Erfolg des Turniers parat: »Brasilien hat drei Leidenschaften: Die eine ist Futebol, die andere Frauen und die dritte Bier. Wenn diese drei Dinge zusammentreffen, dann kannst du alles andere vergessen.«

Zwischen 2008 und 2013 lebte Alois Gstöttner in São Paulo und Rio de Janeiro und veröffentlichte anschließend die Publikation »Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft«. Das Buch wurde im Juli 2014 von der »Deutschen Akademie für Fußballkultur« zum »Fußballbuch des Jahres« nominiert und erreichte schlussendlich den 3. Platz.