Realität, Spielzüge und die Show des Balles

Über Hoffnung, Verzweiflung, Drama, Spektakel, Tragödie, Liebe, Hass, Pathos und Leidenschaft.

Der englische Geheimagent James Bond war 1979 in Rio de Janeiro auf Dienstreise und die Familie Simpson bereiste 2002 die Stadt an der Guanabara-Bucht. In der Episode Blame it on Lisa wird Rio als Dschungel voller Affen, Kidnapper und halb nackter Macarena-Tänzerinnen gezeichnet. Die Folgen der Ausstrahlung waren nationale Aufregung und Angst vor einbrechenden Touristenzahlen. Auch die Politik mokierte sich über »die verzerrte Sicht der brasilianischen Realität«. Doh!

Zehn Jahre nach dieser Episode präpariert sich die zweitgrößte Stadt Brasiliens für die Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016. Im Oktober 2009 entschied das Internationale Olympische Komitee in Kopenhagen, dass Rio de Janeiro Austragungsort der Spiele im Jahr 2016 sein wird. Die Stadt am Zuckerhut setzte sich gegen die drei Mitbewerber Chicago, Madrid und Tokio durch und wird somit der erste Veranstalter aus Südamerika sein.

Die Darstellung der »brasilianischen Realität« ist Teil dieser zwei Megaevents, die die »Marke Brasilien« als aufstrebende und fortschrittliche moderne Nation positionieren und präsentieren sollen. Neben wirtschaftlichen Impulsen und Wachstum, mehr Tourismus, mehr Arbeitsplätzen und mehr Investitionen verspricht man sich eine Aufwertung des Images von Brasilien, das noch immer häufig mit Armut, Korruption und hohen Kriminalitätsraten in Verbindung gebracht wird.

»Niemand kann sich unserem Charme entziehen«, betonte Rios Bürgermeister Eduardo Paes bei seiner Präsentation und belegte seine selbstsicheren Worte auch gleich mit einer Umfrage, der zufolge Rio de Janeiro erst kürzlich zur glücklichsten Stadt der Welt gekürt worden sei …

Ein Freund fragte mich vor einigen Monaten: »Was ist das also genau für eine Welt, von der wir nur die Exportgüter, die Touristenattraktionen und die Schlagzeilen kennen?« Brasilien ist mehr als Samba, leckere Caipirinhas, knappe Bikinis, endlose Sandstrände, Drogenkriminalität und ein zur Hälfte abgeholzter Regenwald.

Am 22. April des Jahres 1500 erreichte eine portugiesische Flotte die »neue Welt« und entdeckte sie für die Europäer. Die Ankunft des Seefahrers Pedro Álvares Cabral an der Küste von Porto Seguro war der Anfang der Kolonialzeit und der Beginn der Verfolgung und Versklavung der Ureinwohner. Die darauf folgende Geschichte Brasiliens ist gezeichnet von der schonungslosen ökonomischen Ausbeutung, der Unabhängigkeitserklärung gegenüber Portugal am 7. September 1822, der Sklavenzeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, der Immigrationsbewegung und einer Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985.

Heute hat Brasilien den Wandel von einer Agrar- zu einer Industrienation vollzogen und ist im 21. Jahrhundert ein Land mit enormer Wirtschaftskraft, einer rapid steigenden Absatzkurve bei mehrlagigem Toilettenpapier und ein Land, das sich Schritt für Schritt von der »alten Welt« emanzipiert. Brasilien ist eine moderne und multiethnische demokratische Nation, aber auch noch immer ein Land mit zahlreichen sozialen Konflikten, unzureichendem Bildungssystem und einem Mangel an strukturellen Reformen. Zwischen armer und reicher Bevölkerung klafft eine große Lücke.

Die landesweiten Proteste im Juni 2013 waren Ausdruck dieser Probleme. Zeitgleich zum Confederations Cup, ein Jahr vor dem Beginn der Weltmeisterschaft und drei Jahre vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, protestierten Millionen Menschen gegen die aktuelle Fassung der »brasilianischen Realität«. Die Slogans der Demonstranten waren »Mehr Freiheit, mehr Bildung!«, »Brasilien, wach auf!« oder die Fragestellung »Weltmeisterschaft, für wen?«.

Was in São Paulo mit relativ kleinen Demonstrationen gegen Fahrpreiserhöhungen begann, endete in den größten Kundgebungen seit dem Ende der Militärdiktatur in den 1980er-Jahren. Die Inhalte der Parolen und Forderungen waren so unterschiedlich wie die Motive der Beteiligten. Es gab Kundgebungen gegen die Erhöhung der Fahrpreise im Nahverkehr, gegen Korruption und für ein besseres Gesundheits- und Bildungssystem. Es folgten Demonstrationen mit sozialpolitischem Hintergrund, wie zum Beispiel gegen Homophobie, für ein Recht auf Abtreibung, gegen Gewalt gegenüber Frauen und für die konsequente Trennung von Staat und Religion.

Im Korruptionswahrnehmungsindex, erhoben von Transparency International, landet Brasilien regelmäßig im hinteren Mittelfeld, Tendenz fallend. Das öffentliche Bildungssystem ist im Bereich der unteren Schulstufen katastrophal und die Infrastrukturprojekte anlässlich der bevorstehenden Olympischen Spiele halten zahlreiche Kritiker – höflich ausgedrückt – für eine Schande, weit entfernt von allen Aspekten der Nachhaltigkeit.

Ein Kritikpunkt, der die Forderungen verdeutlicht, im Detail: Die U-Bahn von São Paulo hat mit einer Länge von 75 Kilometern ein im gleichen Umfang ausgebautes Streckennetz wie Wien. In Rio de Janeiro ist es weniger als 40 Kilometer lang und in Salvador, einer Stadt im Nordosten mit fast drei Millionen Einwohnern, wurde mit dem Bau eines U-Bahn-Netzes im Jahr 2000 begonnen. Aktueller Stand: ein sechs Kilometer langes Teilstück, das nie in Betrieb genommen wurde.

Regina, eine gute Bekannte, die in São Paulo lebt und in Salvador aufgewachsen ist, kommentiert die Lage zynisch: »Ach, unsere peinliche U-Bahn in Salvador! An den paar Kilometern haben sie zwölf Jahre gebaut. Gigantische Leistung, oder? Das Problem ist die Mafia der privaten Busunternehmen, die den Bau verhindert. Und unsere neuen Stadien, die kein Mensch braucht? Hier geht dann plötzlich doch alles ganz schnell. Und dann wundert sich jemand, wenn wir auf die Straße gehen?«

Wir spazieren entlang der sechsspurigen Avenida Paulista – stolzes Symbol der Wirtschaftskraft von São Paulo –, wo vor einigen Monaten alles begann. Regina war bei den ersten Protesten im Juni in vorderster Reihe zu finden und initiierte einige Aktionen mit. Heute ist der 7. September 2013, der 191. Jahrestag der Unabhängigkeit von Brasilien, und es finden landesweit erneut Kundgebungen statt. Unser zunächst friedlicher Protest endet nach den ersten Provokationen des »Black Blocs« wieder mit dem Einsatz von Tränengasgranaten, Pfefferspray und Schlagstöcken. In ganz Brasilien werden mehr als 300 Menschen verhaftet.

Über die Ergebnisse der Demonstrationen in den Sommermonaten sagt Regina: »Ja, es gab kleine Erfolge. Die Fahrpreiserhöhungen im Nahverkehr wurden sehr schnell zurückgenommen und es wurde mehr Geld für das Gesundheits- und Bildungswesen bewilligt. Aber es ging nie nur um diese 20 Centavos beim Fahrpreis, es geht um viel mehr. Immer noch.«

Obwohl ich weiß, dass es keine einfache Antwort gibt, frage ich sie nach den Perspektiven von Brasilien: »Es ist wirklich nicht alles perfekt: Der Lebensstandard ist für die Mehrheit der Bevölkerung einfach sehr niedrig und in vielen Bereichen sind wir immer noch ein Entwicklungsland. Aber wir kämpfen weiter. Wir sind endlich aufgewacht! Wir können etwas verändern, wenn wir unseren Arsch bewegen.« Sie ergänzt die Forderung, die in diesen Monaten häufig artikuliert wird: »Und wir hätten gerne auch Krankenhäuser, ein Bildungssystem und eine Infrastruktur, die dem Stand unserer neuen Stadien für die Weltmeisterschaft entspricht.« Regina bleibt zum ersten Mal stehen, sie rückt ihre Brille zurecht: »In den drei Jahren und elf Monaten ohne Weltmeisterschaft liebe ich Futebol mehr als alles andere, aber es geht hier um unser Land, um unsere Gegenwart und um unsere Zukunft.«

Während der 72-jährige Pelé diese »Verwirrung« im Land möglichst schnell »vergessen wollte«, forderte der 21-jährige Neymar, der Youngster der brasilianischen Nationalmannschaft, ein »gerechteres, sichereres, gesünderes und ehrlicheres« Brasilien. Neymar und seine Teamkollegen waren in diesen Wochen auch überraschenderweise jene, die für die positiven Schlagzeilen in und aus Brasilien verantwortlich waren: Nachdem die Seleção in den ersten sechs Begegnungen des Jahres 2013 nur einmal, in einem Benefizspiel gegen Bolivien, als Sieger vom Platz gegangen war, gewann sie den Confederations Cup in beeindruckender Art und Weise. Es war eine Demonstration mit teilweise sehr klaren Siegen gegen Japan, Mexiko, Italien, Uruguay und einem 3 × 0 im Finale gegen den amtierenden Welt- und Europameister Spanien, im wiedereröffneten Estádio do Maracanã in Rio de Janeiro.

Die Fahne von Flamengo, dem populärsten Team in Rio de Janeiro. © Alois Gstöttner, Ipanema / Rio de Janeiro, Februar 2013

Die Fahne von Flamengo, dem populärsten Team in Rio de Janeiro. © Alois Gstöttner, Ipanema / Rio de Janeiro, Februar 2013

Während meiner Zeit in Rio de Janeiro versuche ich, einem geregelten Tagesablauf nachzugehen. Jeden zweiten Tag starte ich mit einem Lauf rund um den See Rodrigo de Freitas, eine sieben Kilometer lange Strecke, die in den frühen Morgenstunden stark von Läufern, Inlineskatern und Fahrradfahrern frequentiert wird. Im Osten wird der Salzwassersee durch den Stadtteil Botafogo und den Morro da Saudade, den Berg der Sehnsucht, begrenzt. Im Süden und Westen grenzen Leblon und Ipanema an und im Norden ragt der 710 Meter hohe Corcovado, mit der Christusstatue am Gipfel, in den Himmel über der Stadt am Zuckerhut.

Nach dem Lauf gönne ich mir für gewöhnlich einen Fruchtsaft in meiner bevorzugten Saftbar. Und hier habe ich seit meinem ersten Besuch eine persönliche Mission: Eine schwarze Tafel an der Wand listet alle erhältlichen Fruchtsäfte auf. Sie beginnt bei A wie Abacaxi (Ananas), wechselt die Spalte bei L wie Limão (Zitrone) und reicht bis U wie Umbu, eine gelb-grüne Frucht aus dem Nordosten Brasiliens. Mein engagiertes Ziel: Ich will sie alle! Und heute kann ich sagen: Ich hatte sie alle!

Bruno, der Besitzer des Lokals, ist italienischer Herkunft. Unsere Interpretationen der portugiesischen Sprache sind zwar nicht immer identisch, doch wir unterhalten uns ausgezeichnet über Futebol. Er ist Anhänger von Inter, und seitdem Ronaldo in seiner ersten Saison 1997 / 98 beim Mailänder Verein einen Hattrick im Cupspiel gegen Piacenza erzielte, vergöttert er den dreifachen Weltfußballer des Jahres. Dieses Spiel war spätestens auch jener Zeitpunkt, als aus Ronaldo weltweit »O Fenômeno« wurde. »Das Phänomen«.

Es muss wohl die dritte Woche gewesen sein, ich war inzwischen bei M wie Maracujá, da entdeckte ich ein neues Poster von »O Fenômeno« in einer Ecke des Lokals. Ich sprach Bruno darauf an, ob auch er am Vortag das Spiel gesehen habe, in dem Ronaldo in der Nachspielzeit den Ausgleich für Corinthians aus São Paulo erzielt hat. Er nickte mir bedeutungsvoll zu und sagte nur: »Show de Bola!«

Lexikon, Eintrag 1: Will man seinen Freunden davon erzählen, es selbst nie vergessen oder bekommt man schlichtweg Gänsehaut davon, handelt es sich in Brasilien um die »Show des Balles«. Ronaldos Comeback-Tor gegen Palmeiras, nach 419 Tagen verletzungsbedingter Pause. »Show de Bola!« Mané Garrincha bei der Weltmeisterschaft 1962 in Chile. »Show de Bola!« Tostão im Spiel gegen Peru. »Show de Bola!« Der Elfmeter von Sócrates gegen Polen bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko. »Show de Bola!« Die Abwehraktion von David Luiz im Finale des Confederations Cups 2013 gegen Spanien. »Show de Bola!« Und die Wellen am Strand von Ipanema: »Show de Bola!«

Elza, die reizende Lebensgefährtin von Bruno, ist im trockenen Hinterland des Bundesstaates Bahia geboren und lebt bereits seit mehr als vierzig Jahren in Rio de Janeiro. Ihre Vorfahren waren afrikanische Sklaven aus Angola, die ab Mitte des 16. Jahrhunderts zu Millionen nach Brasilien verschleppt wurden. Die Musik, die Religionen und die Küche Brasiliens sind geprägt von dieser Zeit. Wenn man von einer brasilianischen Identität sprechen will, dann sind diese Wurzeln der verschiedenen ethnischen Gruppen die Basis. Elza ist, wie sie mehrfach betont, »natürlich« Anhängerin vom Team Flamengo und spricht mit ansteckender Leidenschaft über ihre Liebe zu Zico: »Das ist nicht nur meine Meinung: Vergiss Pelé, vergiss Romário und vergiss auch Ronaldo. Du kannst hier jeden fragen: Zico und sein Team aus den 1980er-Jahren sind unerreicht. Wer ihn einmal im Maracanã gesehen hat, wird es nie vergessen. Niemals! Um Craque!«

Lexikon, Eintrag 2: Das Wort »Craque« kommt aus dem englischen Pferderennsport, bei dem das beste Pferd als »Crack-Horse« bezeichnet wurde. Die Brasilianer übernahmen diesen Begriff ins Portugiesische und bezeichnen damit einen herausragenden Spieler. Nicht nur »Craque« wurde aus der englischen Sprache adaptiert: Ab dem Zeitpunkt, als »The beautiful Game« am Ende des 19. Jahrhunderts Brasilien erreichte, wurde aus »Football« einfach »Futebol«, »Team« wurde zu »Time«, »Penalty« zu »Pênalti« und ein »Goal« mutierte schnell zu »Gol«.

Auch was die Namensgebung der Spieler betrifft, sind der Kreativität nicht wirklich Grenzen gesetzt. Als Beispiel einige Pseudonyme brasilianischer Profis: John Lennon, Allan Delon, Mauro Shampoo, Batata (Kartoffel), Ventilador (Ventilator), Astronauta (Astronaut), Fuzuê (Lärm), der kühle Geada (Frost), der kräftige Hulk, der romantische Vágner Love, der stürmische Carabina (Gewehr) und der musikalische Mozart. Die Tierwelt ist ebenfalls prominent auf dem Platz vertreten: Hier lässt sich jedoch mit Pintinho (Küken), Gallo (Hahn), Ganso (Gans), Pardalzinho (Spatz), Falcão (Falke) und Pato (Ente) ein spezifischer und nicht näher verifizierbarer Fokus auf das Federvieh feststellen. So gut wie alles kann in Brasilien zur Bildung eines Fantasienamens herangezogen werden. Ist ein Name schon besetzt, wird er einfach als Diminutiv verwendet.

Lexikon, Eintrag 3: Das Diminutiv ist die Verkleinerungsform eines Substantivs. So wird Ronaldo zu Ronaldinho, Adriano zu Adrianinho. »Cafézinho« ist der kleine Kaffee zwischendurch, und zum Abschied gibt es ein »Beijinho«, ein Küsschen. Die Vergrößerungsform, das Augmentativ, kommt ebenfalls häufig zur Anwendung: Der Trainer Luiz Felipe Scolari wird zu Felipão und Corinthians, das Team (»Time«) aus São Paulo, nennt sich schlicht »Timão«, laut Eigenbeschreibung das »beste Team der Welt«.

Futebol wird in Brasilien nicht nur gespielt, gesehen, gelebt und gefühlt. Futebol ist Teil der diplomatischen Beziehungen des Landes. Der ehemalige brasilianische Präsident Lula da Silva war ein freundlicher Genosse und ein höflicher Besucher. Wann immer Lula einen Staatsmann von Welt traf, bekam dieser als Gastgeschenk das Trikot der Nationalmannschaft in der Farbgebung der brasilianischen Fahne. Doch die Auswahl der Rückennummern gibt einige Rätsel auf: Warum hat Bono Vox, Sänger von U2, die Nummer 10? Warum bekam Silvio Berlusconi die Nummer 6? Und warum wurde Barack Obama, Präsident der Vereinigten Staaten, »nur« mit der Rückennummer 5 eines Innenverteidigers bedacht? Und ist das Verhältnis zu England angespannt? Obwohl Gordon Brown, der englische Premierminister, Lula voller Hoffnung ein Trikot mit der Nummer 7 von David Beckham überreichte, hat er nichts dafür zurückbekommen.

Im lesenswerten Standardwerk Futebol: The brazilian Way of Life beschreibt der englische Autor Alex Bellos Futebol als Eckpfeiler der »Marke Brasilien« wie folgt: »›Brasilianischer Fußballer‹ hat den gleichen bedeutungsvollen Klang wie etwa ›französischer Chefkoch‹ oder ›tibetanischer Mönch‹.« Und das kanariengelbe Trikot der Seleção ist das Symbol und das Logo dieses nationalen Kulturgutes, das für so vieles steht: für fünf Weltmeistertitel, für Spielfreude und für den Mythos von »O Jogo Bonito«, den Mythos des schönen Spiels.

Das fünftgrößte Land der Welt ist aber auch ein Land, das sich in skurril anmutenden parlamentarischen Untersuchungsausschüssen mit der schwer erklärbaren 0 × 3-Niederlage der Seleção im Endspiel 1998 gegen Frankreich beschäftigt. Die nationalen Fragen klangen sehr einfach: Was passierte mit Ronaldo in den Stunden vor dem Anpfiff? Warum spielte er trotz gesundheitlicher Probleme? Und spielte Nike, der Sponsor der Seleção und von Ronaldo selbst, eine schmutzige Rolle in dieser Geschichte? Doch die Aussagen von Stürmer Edmundo und unter anderem Trainer Mário Zagallo führten in weiterer Folge zu keinem befriedigenden Ergebnis der Untersuchungen. Ronaldo selbst hatte noch die schlüssigste Antwort parat, die »wahrste Wahrheit« von allen: »Warum wir nicht gewonnen haben? (…) Wie viele Male hat Brasilien gewonnen? Und niemand fragte warum. Wen interessierte das schon? Aber so ist das nun mal, man gewinnt, und man verliert. An diesem Tag haben wir verloren. Kann passieren.«

Carlos Dunga, Weltmeister von 1994 und Trainer der brasilianischen Auswahl zwischen 2006 und 2010, klagte über diese erdrückende Erwartungshaltung von allen Seiten: »Wir müssen immer gewinnen. Und wenn wir gewinnen, dann sind wir nicht zufrieden, weil wir ein Spektakel hätten zeigen müssen. Und wenn wir ein Spektakel zeigen, sind wir auch nicht zufrieden, weil wir sieben oder acht Tore hätten machen müssen. Und wenn wir das getan haben, dann heißt es: Der Gegner war schwach.« Als die Seleção im September 2012 tatsächlich 8 × 0 gegen China gewann, waren dann aber ausnahmsweise für eine kurze Zeit alle zufrieden. Obwohl: Warum hatte China in der zweiten Halbzeit eine Torchance?

In São Paulo werden U-Bahn-Stationen nach lokalen Teams benannt: Mit der Station Portuguesa-Tietê auf der U-Bahn-Linie 1, São Paulo-Morumbi auf der Linie 4, Palmeiras-Barra Funda im Westen und Corinthians-Itaquera im Osten zählt São Paulo gleich vier solcher Stationen. Die rote U-Bahn-Linie 3 verbindet zwar die zwei Endstationen Palmeiras und Corinthians, in Wirklichkeit trennt diese zwei Vereine und ihre Torcidas aber viel mehr als banale 18 Stationen, 40 Minuten und 22 Kilometer. Der Klassiker zwischen Palmeiras und Corinthians wird bereits seit 1917 ausgetragen und zählt zu den emotionsgeladensten Duellen der Stadt und in ganz Südamerika.

Lexikon, Eintrag 4: Während der englische »Supporter« sein Team unterstützt und ein italienischer »Tifoso« an einer ansteckenden Krankheit leidet, ist der brasilianische Anhänger ein »Torcedor«. Der Begriff »Torcida« bezeichnet den organisierten Fanklub, die Fankurve, aber auch die Masse der Anhänger im Allgemeinen. Das Wort »torcer« wird wörtlich als »biegen« oder »verdrehen« übersetzt und erklärt sich durch die Körpersprache eines leidenden beziehungsweise jubelnden Anhängers. Der bedeutende brasilianische Soziologe Gilberto Freyre stellt uns dazu lapidar die Frage: »Was soll ein Mund allein schon aussagen können?«

In Rio de Janeiro tragen ganze Straßenzüge die Spielernamen des siegreichen Teams der Weltmeisterschaft von 1994: Am ausfransenden Stadtrand, dort, wo die Millionenmetropole langsam in den atlantischen Regenwald übergeht, spielt der Traditionsverein America in der zweiten Liga der Meisterschaft von Rio. Der kürzeste Weg vom Bahnhof zum Stadion führt direkt durch das kleine Wohnviertel entlang der Rua Romário. Hat man die Kreuzungen mit Trainer Carlos Alberto Parreira, Stürmer Bebeto und Tormann Cláudio Taffarel hinter sich, ist man nur noch einen Spielzug vom Eingangstor entfernt.

Und selbst in den Süßwarenabteilungen der brasilianischen Supermärkte gibt es kein Tabu: Hier findet man die Schokolade Diamante Negro, benannt nach dem Mittelstürmer Leônidas da Silva, dem »Schwarzen Diamanten«. Dieser war 1938 mit sieben Treffern in nur vier Spielen Rekordtorschütze bei der Weltmeisterschaft in Frankreich und gilt als einer der Pioniere des »Bicicleta«, des Fallrückziehers.

Die Begeisterungsfähigkeit für Futebol erkennt man in brasilianischen Städten aber auch in den ruhigeren Abendstunden, wenn sich an den Spieltagen der Geräuschpegel rapide erhöht. So ist es möglich, ganz ohne Fernsehgerät, jedem Spiel zu folgen, das Aufheulen ganzer Stadtteile verrät einem die Ergebnisse. Radio für alle.

Lexikon, Eintrag 5: Spielergebnisse und Torverhältnisse werden in Brasilien nicht, wie in Europa üblich, mit einem Doppelpunkt zur Anzeige gebracht, sondern in der Regel mit einem Multiplikationszeichen getrennt. Ein torloses Unentschieden sieht dann zum Beispiel so aus: 0 × 0. »Zwei gähnende Münder«, wie es der uruguayische Schriftsteller, Historiker und Journalist Eduardo Galeano pointiert nannte. Und der brasilianische Kolumnist Nelson Rodrigues, mit mehr Pathos und Intensität: »Dieser elende, endgültige jungfräuliche Endstand ist eine Ohrfeige für die Zuschauer und macht sie gleichzeitig wütend.«

Das Spiel prägt nicht nur die brasilianische Kultur, sondern auch die Sprache. Sie ist eine reiche Quelle an Phrasen und Redewendungen, die auf Futebol zurückgehen und es bis in den Alltagswortschatz geschafft haben. Über Supertalente und Genies aller Art sagt man zum Beispiel, sie könnten einen Eckball treten und ihn anschließend selbst mit dem Kopf verwandeln. Diese Ausführung wäre zwar irregulär, widerlegt aber den ehemaligen deutschen Bundestrainer Sepp Herberger mit seiner nüchternen Formel »Der schnellste Spieler ist der Ball«. Wird die Ecke hingegen direkt und somit regulär verwandelt, spricht man von einem »Gol Olímpico«. Diese Bezeichnung geht auf ein Kabinettstück des Argentiniers Cesáreo Onzari zurück, der am 2. Oktober 1924 im Spiel gegen den frisch gekürten Olympiasieger Uruguay den Ball direkt vom Eckpunkt ins Tor zirkelte. Kurioserweise war erst rund vier Monate zuvor die Regeländerung beschlossen worden, dass Ecken auch direkt verwertbar sind. Im 21. Jahrhundert ist der Serbe Dejan Petkovic der Meister dieses parabelförmigen Kunstschusses: Insgesamt neun Tore erzielte er auf diese Art und Weise. Noch im fortgeschrittenen Alter von 38 Jahren spielte »Rambo«, als einer der ganz wenigen europäischen Legionäre, beim Team von Flamengo in Rio de Janeiro.

Lexikon, Eintrag 6: Und wie wird in Brasilien ein herkömmliches Tor von einem außergewöhnlichen unterschieden? Ein »Gol« ist die einfache, banale Variante, das Handwerk. Und ein »Golaço« ist das Schauspiel, ein Kunstwerk!

Es gibt nicht nur für fast jede Art eines Tores einen Eigennamen, auch der Ball selbst hat zahlreiche Bezeichnungen. »A Bola«, der Ball, ist in Brasilien weiblich und das Verhältnis zum Spielgerät ist innig: »Die kleine Dicke« (»A Gorduchinha«) will gestreichelt werden, »die Untreue« (»A Infiel«) braucht Aufmerksamkeit und Zuneigung. Nilton Santos, zweifacher Weltmeister, sagte mal über seine lebenslange Beziehung: »Wenn der Ball meine Geliebte war, dann war sie mir von allen die liebste.«

Es ist gleichgültig, ob es sich um ein Golaço beim Weltmeisterschaftsfinale im Estádio do Maracanã in Rio de Janeiro handelt oder um ein unbedeutendes Spiel mit der »Geliebten« im Innenhof – in Brasilien bedeutet Futebol alles: Hoffnung, Verzweiflung, Drama, Spektakel, Tragödie, Liebe, Hass, Pathos und Leidenschaft.

Zwischen 2008 und 2013 lebte Alois Gstöttner in São Paulo und Rio de Janeiro und veröffentlichte anschließend die Publikation »Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft«. Das Buch wurde im Juli 2014 von der »Deutschen Akademie für Fußballkultur« zum »Fußballbuch des Jahres« nominiert und erreichte schlussendlich den 3. Platz.