Tief im Abseits. Eine Hassliebe.

Der Fußball hält eine Reihe faszinierender Ereignisse parat: Kantersiege, Stangentreffer, Fallrückzieher, Freistöße, Elfmeter, … Das Abseits gehört nicht dazu. Oder doch?

Wer im Abseits steht, der ist allein. In einer Mannschaftssportart, in der der Erfolg vorwiegend über das Kollektiv führt, eine mehr als sinnbildliche Metapher. Der ins Abseits Gestellte befindet sich schlagartig außerhalb des akzeptierten Verhaltens und wird mit Gelb bestraft, wenn er nicht sofort den Canossagang zurück antritt, sondern der Verlockung unterliegt, die Aktion pro forma mittels Schuss aufs Tor zu Ende zu bringen. Das lässt bereits erahnen, dass das Abseits nicht des Stürmers Liebkind ist.

Zudem ist das Abseits das emotionale Stiefkind des Fußballfans. Während Tore (naturgemäß), Elfmeter (selbstverständlich), Fallrückzieher (in der Regel) und Ecken (mitunter) Begeisterung auslösen, fristet das Abseits ein emotional-expressives Schattendasein. Allerhöchstens die Leistung des Linienrichters, der – zumindest in den Augen der Zuseher – zum x-ten Mal danebengreift, ist dazu angetan, eine gefühlsmäßige Kausalitätskette in Gang zu setzen, die einer näheren Erwähnung wert ist. Die Leistungen der Protagonisten auf dem Rasen hingegen lassen im Zusammenhang mit dem Abseits durchwegs kalt. Allenfalls ein anerkennendes Nicken ist drinnen, wenn der Abwehrchef und seine Viererkette den gegnerischen Stürmer ins Abseits stellen. Höchstens eine kleine Verdrießlichkeit macht sich breit, wenn der eigene Mittelstürmer wiederholt ins Abseits taumelt. Mehr ist dem Abseits auf der emotionalen Klaviatur der Zuschauer nicht beschieden.

Eine Frage der Perspektive
Der Fußballfan mag in der Regel die Offensive, wenn möglich die schnörkellos-ungebremste. Taktische Raffinessen in den Abwehrreihen bleiben da meist unbeachtet, zumal sie das Potenzial bergen, die glanzvollen Ritte der Angriffskräfte durch die Defensivketten abrupt zu beenden. Was gibt es Grausameres, als wenn ein Wink mit der Fahne, ein Pfiff des Referees den Angriff der eigenen Mannschaft, die ein Tor so bitter nötig hat, jäh am Opfertisch des Regelwerks zu Tode bringt? Verschießt der Stürmer, kann man wenigstens noch die Hände falten. Der Abseitspfiff hingegen zitiert oberlehrerhaft zurück und muss zwangsweise die Enttäuschung in Gestalt ehrlicher Entrüstung auf den Spielverderber an der Linie lenken. Wehe dem Bierbecher, der gar lose in der Hand schlingert! Es liegt in der Natur der Sache, dass jeder auf den Rängen die Situation richtig – nämlich anders – erfasst hat. Nur der Schiedsrichterassistent hilft ob Unvermögens oder gar wider besseres Wissen mit einer Handbewegung der normativen Kraft des Faktischen zum demagogischen Durchbruch. Betrüger! Dass dabei das folgerichtige Erkennen der Abseitsposition eine Frage der Perspektive ist, die selten für jemanden günstiger ist als für den Assistenten an der Linie, darf – ja muss! – dabei getrost außer Acht gelassen werden. Sind viele Entscheidungen schon im Profizirkus, in dem die strittigen Positionen von dutzenden Kameras in filmische Einzelteile seziert werden, strittig, so potenziert sich das Zuseher-Empörungspotenzial in Hobbyligen, in deren Spielen ein Linienrichter oftmals nicht verfügbar ist. Ohne die Männer mit dem Fähnchen ist es weitgehend eine Frage des Zufalls, ob ein Pfiff des Schiedsrichters den tatsächlichen Gegebenheiten gerecht wird oder nicht.

Die dunkle Materie des Spiels
Gewiss tut man dem Abseits Unrecht, es nur an seinem Protest- und Emotionalitätspotenzial zu messen. Das Abseits ist dank Regelreformen (»passives« Abseits!) mehr denn je ein Mysterium, gewissermaßen die dunkle Materie des Spiels, das Higgs-Boson der Ballesterei. Alle wissen, dass es da ist, nur keiner kann es erklären. Kaum jemand kann die offizielle Regel 11 in wenigen Sätzen fassbar machen, die wenigsten ereifern sich über schöne Abseitsfallen, niemand schätzt die zahlreichen Eventualitäten, die sich aus der Abseitsregel ergeben. Ist das Regelwerk sonst von Simplizität geprägt – ein oft gebrachtes Argument für den globalen Siegeszug des Spiels –, birgt das Abseits in all seinen Ausprägungen und Details ein Geheimnis. Als solches ist es das verbindende Element aller Eingeweihten, das Außenstehenden den ungetrübten Genuss des Spiels verweigert und sie sprichwörtlich im Abseits stehen lässt.

Dabei verdienen sich das Abseits und vor allem die Abseitsfalle, als dessen taktisches Gegenstück und charakteristisches Element des modernen Spiels, eine angemessene Würdigung. Kein Abseits ohne dazugehörige Falle – außer der Stürmer wandelt geistesabwesend von sich aus im Abseits. Die Abseitsfalle bittet die verlässlichen Lenker und Denker als Organisatoren der hinteren Reihen, die im Gegensatz zu kreativ-offensiven Spielmachern ihre genialen Momente üblicherweise von der Masse weitgehend unbeobachtet erbringen, vor den Vorhang. Bei der Antizipation des gegnerischen Passes und dem schlagartigen Nach-vorne-Werfen dürfen sie in seltener Eindeutigkeit zeigen, was sie können. Effektiv ausgeführt ist die Abseitsfalle dazu angetan, die feindliche Offensivkraft, die von Mal zu Mal augenblicklich im Abseits steht, geistig zu zermürben.

Die Tiefe des Raums
Auf der anderen Seite zwingt sie Passgeber und Stürmer zur geistigen Wachsamkeit und zu klugen Spielzügen. Sie erst ermöglicht den Gefahr bergenden Lochpass hinter die Abwehrreihen, der wie ein Dolchstoß handstreichartig Raum schafft. Nicht auszudenken, würde sich der Stürmer über die Dauer des Spiels hinter den Abwehrreihen herumtreiben und lümmelnd auf ein simples Zuspiel warten. Im Abseits manifestiert sich auf diese Weise die englisch-protestantische Ethik als Wurzel des modernen Fußballs. Sie nötigt den Ausübenden zu Mut und Ritterlichkeit, indem er sich dem Gegner aufrichtig stellen muss, statt sich hinter dessen Rücken das Spielgerät feige und unehrenhaft anzueignen. Die »gleiche Höhe« ist in diesem Zusammenhang zu Recht das Maximum des Erlaubten. Dieser Umstand schlägt sich auch in der Sprachregelung der Abseitsbestimmung nieder, die nicht mehr die Abseitsstellung an sich bestraft, sondern erst denjenigen, der aktiv ins Spiel eingreift.

Erst das Abseits macht die »Tiefe des Raums« zur taktisch genutzten Zone. Welchen Bedeutungsverlust und welche damit einhergehende taktisch-ästhetische Verarmung seine Abwesenheit mit sich bringt, lässt sich an Sportarten wie dem Handball ablesen, die diese Regel nicht kennen. Dort wird das Mittelfeld meist innerhalb weniger Sekunden überbrückt, weil es im Gegensatz zum Raum vor dem Tor keiner allzu raffinierten Spielzüge bedarf, um selbigen zu gewinnen.

Kurzum: Das Abseits fordert und schafft Spielintelligenz und Einfallsreichtum. Die Feinheiten solcher taktischen Grabenkämpfe verleihen dem gesamten Spiel eine geometrische Tiefe und Spontaneität, ohne die es schwer vorstellbar wäre. Im resultatsorientierten Fußballalltag sind solche Augenblicke der Ästhetik selten und deswegen umso teurer.

Text: Christoph Schmiedhofer, Null Acht, Ausgabe: 04